Tigecyclin
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LoslegenHandelsname: Tygacil®
Definition
Tigecyclin ist ein Antibiotikum aus der Klasse der Glycylcycline. Es handelt sich dabei um Derivate der Tetrazykline.
Chemie
Tigecyclin hat die Summenformel C29H39N5O8 und eine molare Masse von 585,65 g/mol. Tigecyclin besitzt eine Glycylamido-Seitenkette, welche die Affinität zum Ribosom erhöht und die beiden wichtigsten Tetrazyklin-Resistenzmechanismen teilweise umgeht. Dadurch bleibt Tigecyclin gegen zahlreiche Tetrazyklin-resistente Bakterien wirksam.
Pharmakokinetik
Tigecyclin wird ausschließlich intravenös appliziert. Der Wirkstoff hat ein großes Verteilungsvolumen und erreicht hohe Gewebekonzentrationen, während die Serumspiegel vergleichsweise niedrig sind. Die Elimination erfolgt überwiegend biliär über die Fäzes, zu einem geringeren Anteil renal.
Die terminale Eliminationshalbwertszeit beträgt etwa 40 bis 45 Stunden, sodass Tigecyclin nach einer Initialdosis in der Regel alle 12 Stunden verabreicht wird.
Wirkmechanismus
Tigecyclin hemmt die bakterielle Proteinsynthese, indem es reversibel an die 30S-Untereinheit des bakteriellen Ribosoms bindet. Dadurch wird die Anlagerung der Aminoacyl-tRNA an die A-Stelle des Ribosoms verhindert und die Elongation der Polypeptidkette unterbrochen. Die Wirkung ist überwiegend bakteriostatisch, kann jedoch gegenüber einzelnen Erregern unter bestimmten Bedingungen bakterizid sein.
Erregerspektrum
Tigecyclin ist ein Breitspektrumantibiotikum, das gegen zahlreiche grampositive, gramnegative, aerobe und anaerobe Bakterien sowie gegen atypische Erreger wirksam ist. Es besitzt eine gute Aktivität gegenüber vielen multiresistenten Erregern, darunter:
- Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA)
- Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE)
- Carbapenem-resistente Acinetobacter baumannii (CRAB)
- ESBL-bildende Enterobacterales
Eine unzureichende oder fehlende Wirksamkeit besteht unter anderem gegen:
- Pseudomonas aeruginosa
- Proteus-Arten (z.B. Proteus mirabilis)
- Morganella morganii
- Providencia-Arten
Aufgrund der niedrigen Serumkonzentrationen ist Tigecyclin trotz in-vitro-Empfindlichkeit vieler Erreger zur Behandlung von Bakteriämien nur eingeschränkt geeignet. Wie bei allen Antibiotika kann insbesondere unter breitem Einsatz eine Resistenzentwicklung auftreten.
Indikationen
Tigecyclin ist ein Reserveantibiotikum zur Behandlung schwerer bakterieller Infektionen durch empfindliche Erreger, wenn etablierte Antibiotika nicht geeignet oder wirksam sind. Die Anwendung sollte nach Möglichkeit anhand eines Antibiogramms erfolgen und die lokalen Resistenzverhältnisse berücksichtigen. Aufgrund niedriger Serumkonzentrationen und einer in Metaanalysen beobachteten erhöhten Mortalität sollte der Einsatz sorgfältig abgewogen werden.
Zugelassene Indikationen sind insbesondere:
- komplizierte intraabdominelle Infektionen (cIAI)
- komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen (cSSTI), ausgenommen diabetische Fußinfektionen
Darüber hinaus kann Tigecyclin im Rahmen einer kalkulierten oder gezielten Kombinationstherapie bei Infektionen durch multiresistente Erreger eingesetzt werden, wenn keine geeigneten Therapiealternativen bestehen.
Nicht empfohlen ist Tigecyclin zur Behandlung von:
- Bakteriämien oder Sepsis mit nachgewiesener Bakteriämie
- beatmungsassoziierter Pneumonie (VAP)
- Harnwegsinfektionen
Darreichungsformen
Tigecyclin liegt als Pulver zur Herstellung einer Infusionslösung vor.
Dosierung
Die empfohlene Initialdosis für Erwachsene beträgt 100 mg intravenös gefolgt von 50 mg alle 12 Stunden über einen Zeitraum von 5 bis 14 Tagen. Bei älteren Patienten ist keine Dosisanpassung erforderlich.
Kinder im Alter von 8 bis < 12 Jahren erhalten 1,2 mg/kg KG Tigecyclin alle 12 Stunden intravenös bis zu einer Maximaldosis von 50 mg alle 12 Stunden für 5 bis 14 Tage.
Jugendliche im Alter von 12 bis < 18 Jahren erhalten 50 mg Tigecyclin alle 12 Stunden für 5 bis 14 Tage.
Die Infusionsdauer sollte 30–60 Minuten betragen.
Die Dauer der Behandlung richtet sich nach dem Schweregrad und Ort der Infektion sowie nach dem klinischen Ansprechen. Bei lebensbedrohlichen Infektionen wird in vielen Zentren off-label eine Hochdosistherapie eingesetzt (z.B. 200 mg Initialdosis, anschließend 100 mg alle 12 Stunden). Für diese Dosierung besteht keine Zulassung – sie sollte nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.
Bei Niereninsuffizienz ist keine Dosisanpassung erforderlich. Dagegen wird bei schwerer Leberinsuffizienz (Child-Pugh C) eine Dosisreduktion um 50% empfohlen.
Hinweis: Diese Dosierungsangaben können Fehler enthalten. Ausschlaggebend ist die Dosierungsempfehlung in der Herstellerinformation.
Nebenwirkungen
| Nebenwirkung | Bemerkungen |
|---|---|
| Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö | Häufigste Nebenwirkungen; treten meist zu Beginn der Therapie auf |
| Erhöhte Transaminasen, Hyperbilirubinämie | Meist reversibel |
| Reaktionen an der Infusionsstelle | z.B. Schmerzen, Phlebitis oder Entzündungsreaktionen |
| Überempfindlichkeitsreaktionen | Selten bis gelegentlich; in Einzelfällen schwerwiegend |
| Pankreatitis | Seltene, aber potenziell schwerwiegende Komplikation |
| Hypofibrinogenämie | Vor allem unter längerer Therapie; regelmäßige Kontrolle des Fibrinogenspiegels empfohlen. |
| Zahnverfärbungen und Schmelzhypoplasie | Klasseneffekt der Tetrazykline; Risiko bei Kindern unter 8 Jahren |
Metaanalysen zeigten unter Tigecyclin im Vergleich zu anderen Antibiotika eine leicht erhöhte Gesamtmortalität. Ein ursächlicher Zusammenhang ist bislang nicht eindeutig geklärt; der Wirkstoff sollte daher nur eingesetzt werden, wenn keine besser geeigneten Therapiealternativen zur Verfügung stehen.
Wechselwirkungen
Tigecyclin wird nur in geringem Umfang metabolisiert und verursacht keine klinisch relevante Hemmung oder Induktion von Cytochrom-P450-Enzymen.
Bei gleichzeitiger Anwendung von Vitamin-K-Antagonisten wie Warfarin kann es zu Veränderungen der INR und der Gerinnungsparameter kommen. Daher wird eine engmaschige Kontrolle der Gerinnung empfohlen.
Tigecyclin kann die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva vermindern. Während der Behandlung und bis 7 Tage nach Therapieende sollte daher eine zusätzliche nichthormonelle Kontrazeption erwogen werden.
Kontraindikationen
- Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff
- Anwendung in der Schwangerschaft nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung
- Anwendung bei Kindern < 8 Jahren nur in Ausnahmefällen gemäß Fachinformation