Spinaler Schock
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LoslegenEnglisch: spinal shock
Definition
Der spinale Schock ist ein vorübergehender Verlust spinaler Reflexaktivität sowie motorischer, sensorischer und vegetativer Funktionen unterhalb einer akuten Rückenmarksläsion. Der Begriff beschreibt ein neurophysiologisches Syndrom und keinen Schockzustand im hämodynamischen Sinn.
Abgrenzung
Vom spinalen Schock abzugrenzen ist der neurogene Schock. Dabei handelt es sich um eine hämodynamische Störung infolge eines Ausfalls sympathischer Bahnen, typischerweise bei Läsionen oberhalb von Th6. Symptome sind:
Im Gegensatz zu anderen Schockformen zeigen die Patienten häufig warme, gut durchblutete Haut. Beide Krankheitsbilder können gemeinsam auftreten.
Ätiopathogenese
Der spinale Schock tritt meist nach traumatischen Rückenmarksverletzungen auf. Ursache ist der plötzliche Wegfall supraspinaler Kontrolle der spinalen Nervenzellnetzwerke unterhalb der Läsion, gefolgt von einer Hyperpolarisation spinaler Motoneurone. Klinisch resultiert eine Dämpfung spinaler Reflexe mit schlaffer Parese oder Plegie. Im Verlauf kehren die Reflexe schrittweise zurück – zuerst kutane Reflexe, dann Muskeleigenreflexe (ASR, PSR). Innerhalb der kutanen Reflexe tritt der verzögerte Plantarreflex zuerst auf, gefolgt vom Bulbokavernosusreflex (BCR) und Kremasterreflex.
Einteilung
Der spinale Schock kann nach Ditunno et al. (2004) in 4 Phasen eingeteilt werden:
- Phase 1 (0–24 h): Areflexie bzw. Hyporeflexie
- Phase 2 (1–3 Tage): beginnende Reflexrückkehr
- Phase 3 (4 Tage bis 1 Monat): einsetzende Hyperreflexie
- Phase 4 (1–12 Monate): ausgeprägte Hyperreflexie und Spastik
Die vollständige Auflösung des spinalen Schocks erstreckt sich über Tage bis Monate. Die Ausprägung ist proportional zur Schwere der Verletzung. Vorübergehende Ausfälle ohne strukturelle Läsion werden als Commotio spinalis bezeichnet.
Symptome
Mögliche Befunde bei spinalem Schock sind:
- schlaffe Parese oder Plegie
- Sensibilitätsstörungen unterhalb der Läsion
- Areflexie (einschließlich Verlust des BCR)
- verminderter Muskeltonus
- Blasen- und Mastdarmfunktionsstörungen
- vegetative Dysfunktion
Die initiale neurologische Symptomatik erlaubt keine sichere Aussage über das spätere funktionelle Outcome.
Diagnostik
Die Diagnostik umfasst im Wesentlichen:
- Neurologische Untersuchung mit Prüfung des Reflexstatus
- CT der Wirbelsäule
- ggf. MRT des Rückenmarks
Die neurologische Klassifikation erfolgt häufig anhand der ASIA-Kriterien.
Therapie
Präklinisch stehen die Sicherung der Vitalfunktionen sowie die Vermeidung sekundärer Rückenmarkschädigungen im Vordergrund. Bei Verdacht auf eine instabile Wirbelsäulenverletzung erfolgt eine achsengerechte Immobilisation.
Wichtige Maßnahmen sind:
- Sicherung von Atemweg und Oxygenierung
- Anlage eines intravenösen Zugangs
- Kreislaufstabilisierung
- Wärmeerhalt
- schonender Transport
Bei zusätzlichem neurogenen Schock können Volumentherapie und Vasopressoren erforderlich sein.
Die definitive Therapie richtet sich nach Ursache und Ausmaß der Rückenmarkverletzung und umfasst konservative sowie operative Verfahren.
Prognose
Die Prognose hängt insbesondere von Höhe und Ausmaß der Rückenmarkschädigung ab. Die Ausprägung des spinalen Schocks ist proportional zur Schwere und Geschwindigkeit der Verletzung. Das Vorliegen eines spinalen Schocks allein erlaubt keine sichere Aussage über die spätere neurologische Erholung.
Literatur
- Ditunno et al., Spinal shock revisited: a four-phase model, Spinal Cord, 2004
- Kwon et. al., A Clinical Practice Guideline for the Management of Patients With Acute Spinal Cord Injury: Recommendations on Hemodynamic Management, Global Spine J, 2024 Mar
- Rupp et. al., International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury, Top Spinal Cord Inj Rehabil, 2021
- Ko et. al., The pattern of reflex recovery during spinal shock, Spinal Cord, 1999