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Kallusdistraktion

Synonyme: Kallotasis, Distraktionsosteogenese
Englisch: Distraction osteogenesis

1 Definition

Die Kallusdistraktion ist ein Verfahren zur künstlichen Verlängerung von Knochen. Sie wird u.a. bei Verkürzung oder Achsfehlstellung einer Extremität sowie bei langstreckigen Knochendefekten durchgeführt.

2 Verfahren

Die Kallusdistraktion beruht auf der primären Induktion einer artifiziellen Fraktur des zu verlängernden Knochens und der anschließenden kontinuierlichen Dehnung des entstehenden Kallus durch Distraktion.

2.1 Phasen

Die Kallusdistraktion wird in folgende Behandlungsphasen nach Ilizarov eingeteilt:

  • Mittels kleiner Inzision wird der Knochen mit Hilfe eines Meißels durchtrennt. Danach erfolgt der Wundverschluss und die Stabilisierung mittels Fixateur externe.
  • In der anschließenden einwöchigen Ruhephase erfolgt die Organisation der Bruchenden. Es wird das so genannte Regenerat (Kallusvorstufe) gebildet wird, welches die Osteotomieenden verbindet.
  • In der Distraktionsphase wird dieses Regenerat mit Hilfe des Fixateurs langsam um 1 mm pro Tag distrahiert. Dabei wird der Kallus stetig in die Länge gezogen und der Knochen somit verlängert. Beim Auftreten von Weichteilproblemen muss die Distraktionsgeschwindigkeit gegebenenfalls temporär verlangsamt werden.
  • Nach Erreichen der gewünschten Verlängerung folgt die Neutralisationsphase, in welcher die zunehmende Kallusbildung ergänzend durch intensive Physiotherapie und zunehmende Belastung provoziert wird.
  • In der Dynamisationsphase wird der Fixateur nach ausreichender Bildung tragfähigen Kallus dynamisiert.
  • Mit der Entfernung des Fixateurs beginnt schließlich die Remodellierungsphase des Knochens.

2.2 Hemikallusdistraktion

Die Hemikallusdistraktion wird eingesetzt zur Korrektur eines Achsenfehlers (z.B. Varus- oder Valgusfehlstellungen).

2.3 Longitudinale Kallusdistraktion

Bei der longitudinalen Kallusdistraktion erfolgt der Zug in Längsrichtung der Extremität und dient somit ausschließlich der Verlängerung. Durch dieses Verfahren können Knochendefekte behandelt werden.

2.4 Verkürzungs-Verlängerungs-Technik

Im Rahmen einer offenen Fraktur mit Weichteildefekt und freilegendem Knochen (bis zu 12 cm) erfolgt häufig ein Resektionsdébridement mit Verkürzung der Extremität bis sich die Weichteile ohne Spannung adaptieren lassen und der Knochen gedeckt ist. Die so entstandene Verkürzung kann nun sekundär mittels Kallusdistraktion auf die ursprüngliche Länge gebracht werden.

2.5 Segmenttransport

Bei Defektfrakturen erfolgt primär die Stabilisierung durch einen Fixateur externe. Sekundär kann der vorhandene Röhrenknochen oberhalb der Defektzone in einem intakten Weichteillager nach Ilizarov durchtrennt werden. Dadurch erfolgt eine Zugspannung und Hypervaskularisierung in der gesamten Region, welche die Knochenneubildung anregen. Der ursprüngliche Knochendefekt kann somit verkleinert werden.

3 Indikationen

Eine Kallusdistraktion wird indiziert bei

  • Verkürzungen oder Fehlstellungen einer Extremität
  • langstreckigen Knochendefekten
  • der Versorgung einer komplexen offenen Fraktur nach einer vorausgegangen notwendigen primären Verkürzung der Extremität

4 Kontraindikationen

Ein Alter über 60 Jahre stellt eine Kontraindikation für die Durchführung einer Kallusdistraktion dar, da die Regenerationsprozesse des Körpers und in dem Sinne auch die Kallusbildung stark vermindert sind. Weiterhin kann das Verfahren nicht durchgeführt werden, wenn eine ausgeprägte Osteoporose zugrunde liegt. Aufgrund des langen stationären Aufenthaltes und einer nötigen engmaschigen ambulanten Kontrolle wird das Verfahren bei eingeschränkter Compliance ebenfalls nicht empfohlen.

5 Literatur

  • H.P. Scharf: Orthopädie und Unfallchirurgie: Facharztwissen nach der neuen Weiterbildungsordnung. Elsevier Urban & Fischer. 2009.

Diese Seite wurde zuletzt am 10. November 2020 um 12:42 Uhr bearbeitet.

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