Inching-Technik
Synonyme: Kurzsegmenttechnik, Kurzsegment-Nervenleitungsstudie, Kurzstreckenstimulation
Definition
Die Inching-Technik ist eine Methode der Elektroneurographie, bei der ein peripherer Nerv in sehr kurzen Abständen seriell stimuliert wird, um fokale Leitungsverzögerungen oder Leitungsblöcke über Engstellen hochaufgelöst zu lokalisieren.
Methode
Das methodische Prinzip der Inching-Technik besteht in der sequentiellen Stimulation eines Nerven entlang eines kurzen Streckenabschnitts mit sehr kleinen Abständen zwischen den Stimulationspunkten. Üblicherweise betragen diese Abstände ein bis zwei Zentimeter, abhängig vom untersuchten Nerv, der Fragestellung und den laborinternen Standards. Analysiert werden intersegmentale Latenzdifferenzen bzw. Unterschiede in der Leitgeschwindigkeit. Ergänzend kann die Veränderung der Amplituden herangezogen werden, um Hinweise auf einen Leitungsblock zu erfassen. Für die Diagnose eines Leitungsblocks ist der CMAP-Abfall zwischen zwei Stimulationspunkten entscheidend.
Physiologie und Pathophysiologie
Unter physiologischen Bedingungen nimmt die Latenz des summierten Muskelaktionspotentials (CMAP) bzw. des sensiblen Nervenaktionspotentials (SNAP) mit zunehmender Stimulationsdistanz gleichmäßig zu. Bei einer fokalen Kompression kommt es häufig zu einer umschriebenen Demyelinisierung, die sich elektrophysiologisch als segmentale Leitungsverlangsamung manifestiert. In fortgeschritteneren Stadien können zusätzlich ein partieller Leitungsblock sowie sekundäre axonale Schäden auftreten, was sich in einer Amplitudenminderung widerspiegelt.
Befundinterpretation
Ein lokalisierter, sprunghafter Anstieg der Latenz über einem kurzen Segment gilt als charakteristischer Hinweis auf eine fokale demyelinisierende Läsion an dieser Stelle. Die Kurzsegmenttechnik erlaubt damit eine deutlich genauere topische Diagnostik als Routine-Nervenleitungsstudien über längere Strecken. In der klinischen Praxis werden labor- und methodenabhängige Grenzwerte verwendet. In der Literatur wird häufig eine segmentale Latenzdifferenz in der Größenordnung von etwa 0,5 ms als auffällig beschrieben, wobei die Bewertung stets im Kontext der Anatomie und Gesamtkonstellation erfolgen muss.
Indikation
Die wichtigste Indikation für das Inching ist die Abklärung der Ulnarisneuropathie am Ellenbogen, insbesondere zur exakten Lokalisation der Leitungsstörung im Bereich des Sulcus ulnaris oder angrenzender Abschnitte. Ebenso findet die Methode Anwendung bei der Diagnostik des Karpaltunnelsyndroms, vor allem wenn konventionelle Messungen grenzwertig oder klinisch nicht eindeutig sind.
Diese können bei konventionellen Nervenleitungsstudien über längere Messstrecken nur unzureichend abgebildet werden, da sich lokale Leitungsstörungen über die Gesamtstrecke „verwässern“. Die Kurzsegmenttechnik erhöht die räumliche Auflösung der Messung und erlaubt eine präzise Zuordnung der elektrophysiologischen Auffälligkeit zu einem definierten anatomischen Abschnitt.
Darüber hinaus kann sie bei anderen fokalen Entrapmentneuropathien eingesetzt werden, sofern Anatomie und Fragestellung dies sinnvoll erscheinen lassen.
Limitation
Aufgrund der sehr kurzen Messstrecken haben selbst geringe Fehler in der Distanzmessung einen relativ großen Einfluss auf die berechneten Leitungsparameter, weshalb eine exakte anatomische Landmarkierung erforderlich ist. Insbesondere am Ellenbogen kann zudem eine lageabhängige Verschiebung des Nervs bei Beugung oder Streckung zu Artefakten und potenziell falsch-positiven Befunden führen. Eine standardisierte Armposition und eine saubere Untersuchungstechnik sind daher für die Validität der Kurzsegmentmessung entscheidend.