Thiel-Methode
nach dem österreichischen Anatom Walter Thiel (1919-2012)
Synonym: Thiel-Fixierung
Definition
Die Thiel-Methode ist ein Verfahren zur Konservierung menschlicher Leichen und Leichenteile. Es ermöglicht im Vergleich zur klassischen Formalinfixierung eine besonders realitätsnahe Farbgebung, Gewebeelastizität und Gelenkbeweglichkeit.
Geschichte
Die Methode wurde von Walter Thiel entwickelt und erstmals 1992 publiziert.[1] Ziel war die Herstellung von postmortalen Geweben mit möglichst „lebensechten“ visuellen und haptischen Eigenschaften. Thiel selbst beschrieb seine Methode als Ergebnis einer über etwa 30 Jahre laufenden Entwicklung an insgesamt 977 Leichen.[2]
Während postmortale Präparate ursprünglich vor allem in der studentischen Lehre genutzt wurden, gewann die Thiel-Methode später zunehmend Bedeutung für die chirurgische Simulation, die Weiterbildung und die anwendungsbezogene Forschung.
Vorgehen
Die Thiel-Methode ist ein komplexes Mehrschrittverfahren. Die chemischen Komponenten werden nacheinander angesetzt und in mehreren Anwendungen appliziert, unter anderem als:
- arterielle Injektionslösung
- viszerale bzw. venöse Injektionslösung
- Immersionslösung zur Langzeitlagerung
- Befeuchtungs- bzw. Kurzzeitlagerungslösung
Die Originalrezeptur nach Thiel enthält unter anderem Ammoniumnitrat, Borsäure, Ethylenglykol, Kaliumnitrat, Natriumsulfit, Chlorcresol, Formaldehyd in niedriger Konzentration und Wasser.
Spätere Modifikationen, insbesondere das sogenannte 2002-Protokoll, ergänzten bzw. veränderten die Zusammensetzung, vor allem durch den Einsatz von Ethanol, um die Gewebeeigenschaften gezielt für bestimmte Trainings- und Forschungszwecke zu optimieren.
Medizinische Bedeutung
Die Thiel-Methode besitzt heute vor allem in der medizinischen Aus- und Weiterbildung sowie in der anwendungsbezogenen Forschung eine hohe Relevanz. Thiel-konservierte Präparate werden in anatomischen Präparierkursen, chirurgischen Trainingskursen sowie bei interventionellen und endoskopischen Übungen eingesetzt, weil sie im Vergleich zu klassisch formalinfixierten Präparaten eine realistischere Haptik, eine natürlichere Farbgebung und eine bessere Gelenkbeweglichkeit aufweisen. Dadurch eignen sie sich insbesondere für die Simulation operativer und diagnostischer Verfahren sowie für das Training anästhesiologischer und notfallmedizinischer Techniken. Auch in der Forschung werden Thiel-Präparate genutzt, etwa für technische und prozedurale Studien, für bildgebende Anwendungen sowie für ausgewählte morphologische und biomechanische Untersuchungen.
Einzelnachweise
- ↑ Thiel, W. (1992). Die Konservierung ganzer leichen in natürlichen farben. Annals of Anatomy-Anatomischer Anzeiger, 174(3), 185-195.
- ↑ Hammer, N. (2022). Thirty years of Thiel embalming—A systematic review on its utility in medical research. Clinical Anatomy, 35(7), 987-997.
Literatur
- Thiel, W. (2002). Ergänzung für die Konservierung ganzer Leichen nach W. Thiel. Annals of Anatomy-Anatomischer Anzeiger, 184(3), 267-269.
- Feigl, G., Anderhuber, F., Schwarz, G., Dorn, C., Fasel, J. H. D., & Likar, R. (2007). Trainingsmethode für regionalanästhesisten. Der Anaesthesist, 56(5), 437-443.
- Thiel, W. (1992). Die Konservierung ganzer leichen in natürlichen farben. Annals of Anatomy-Anatomischer Anzeiger, 174(3), 185-195.