Somatic Experiencing
Definition
Somatic Experiencing, kurz SE, ist ein körperorientierter psychotherapeutischer Ansatz zur Behandlung von Stress- und Traumafolgestörungen. Der Fokus liegt auf der Wahrnehmung und Regulation körperlicher Empfindungen, die mit einer Dysregulation des autonomen Nervensystems (ANS) im Zusammenhang stehen.
Abgrenzung
Im Unterschied zu traumafokussierten kognitiv-behavioralen Verfahren oder EMDR steht bei Somatic Experiencing nicht die gezielte Konfrontation mit traumatischen Erinnerungen im Vordergrund. Der Ansatz legt den Schwerpunkt auf gegenwärtige Körperempfindungen und autonome Regulationsprozesse.
SE ist nicht als eigenständiges Richtlinienverfahren anerkannt, sondern wird überwiegend als komplementärer Ansatz verstanden.
Hintergrund
Somatic Experiencing wurde in den 1970er-Jahren vom Biophysiker und Traumaforscher Peter A. Levine entwickelt. Levine verband Erkenntnisse aus Neurobiologie, Ethologie und Psychotraumatologie mit klinischen Beobachtungen, insbesondere zur Stressverarbeitung bei Mensch und Tier. Das Verfahren wurde zunächst in den USA verbreitet und hat seit den 2000er-Jahren auch im deutschsprachigen Raum an Bedeutung gewonnen.
Theoretische Grundlagen
Das Konzept basiert auf der Annahme, dass traumatische Erfahrungen primär eine physiologische Überaktivierung des ANS auslösen. Können die biologisch vorgesehenen Reaktionen auf Bedrohung (Kampf, Flucht, Erstarrung) nicht vollständig ausgeführt oder beendet werden, verbleibt ein Zustand erhöhter Erregung.
Somatic Experiencing versteht Trauma weniger als erinnerungsgebundenes Ereignis, sondern als anhaltende Dysregulation vegetativer Prozesse. Die therapeutische Arbeit erfolgt überwiegend bottom-up, d.h. über Körperwahrnehmung und Affektregulation, nicht primär über kognitive Verarbeitung oder detaillierte Exposition.
Methodische Prinzipien
Die Behandlung erfolgt in der Regel in Einzelsettings und ist stark ressourcenorientiert. Zentrale methodische Elemente sind:
- Tracking: Differenzierte Wahrnehmung und verbale Benennung aktueller Körperempfindungen (z.B. Spannung, Wärme, Druck, Atmung).
- Titration: Sehr kleinschrittiges Annähern an belastende Aktivierung, um Überforderung und Retraumatisierung zu vermeiden.
- Pendulation: Bewusster Wechsel zwischen Zuständen höherer Aktivierung und Phasen relativer Entspannung zur Förderung der Selbstregulation.
- Ressourcenarbeit: Aktivierung stabilisierender innerer oder äußerer Ressourcen (z.B. sichere Orte, unterstützende Körperempfindungen).
- Vervollständigung: Unterstützung der natürlichen Entladung von Stress/Anspannung, etwa durch Zittern, spontane Bewegungen oder vegetative Reaktionen.
Indikationen
Somatic Experiencing wird vor allem eingesetzt bei:
- Posttraumatischer Belastungsstörung
- Komplexer Traumatisierung und Entwicklungstrauma
- Angststörungen und chronischem Stress
- psychosomatischen Beschwerdebildern
Es wird häufig ergänzend zu anderen psychotherapeutischen Verfahren angewendet.
Evidenzlage
Die empirische Datenlage zu Somatic Experiencing ist begrenzt, aber zunehmend. Es liegen kontrollierte Studien und systematische Übersichtsarbeiten vor, die Hinweise auf eine Reduktion traumabezogener Symptome zeigen. Die Heterogenität der Studien, teilweise kleine Stichproben und methodische Unterschiede schränken die Aussagekraft ein. Insgesamt wird die Evidenz als moderat eingeschätzt; eine leitlinienbasierte Empfehlung besteht derzeit (2026) nicht.
Kritik
Kritisch diskutiert werden unter anderem:
- die begrenzte Anzahl hochwertiger randomisierter kontrollierter Studien
- die teilweise unscharfe Abgrenzung zu anderen körperorientierten Verfahren
- neurobiologische Erklärungsmodelle, die nicht durchgängig empirisch abgesichert sind
In der klinischen Praxis wird daher eine sorgfältige Indikationsstellung sowie eine Einbettung in ein übergeordnetes psychotherapeutisches Behandlungskonzept empfohlen.
Literatur
- Brom et al. Somatic Experiencing for Posttraumatic Stress Disorder: A Randomized Controlled Outcome Study. Journal of traumatic stress, 30(3), 304–312. 2017
- Andersen et al. A randomized controlled trial of brief Somatic Experiencing for chronic low back pain and comorbid post-traumatic stress disorder symptoms. European journal of psychotraumatology, 8(1), 1331108. 2017
- Kuhfuß et al. Somatic experiencing - effectiveness and key factors of a body-oriented trauma therapy: a scoping literature review. European journal of psychotraumatology, 12(1), 1929023. 2021
- Payne et al. Somatic experiencing: using interoception and proprioception as core elements of trauma therapy. Frontiers in psychology, 6, 93. 2015