Sham-Kontrolle
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: Scheinkontrolle, Placebo-Prozedur, Sham-Intervention
Englisch: sham control, sham procedure
Definition
Eine Sham-Kontrolle ist eine Scheinintervention in Kontrollgruppen zu invasiven oder gerätebasierten Verfahren, die im Rahmen klinischer Studien geprüft werden. Dabei durchlaufen die Teilnehmer sämtliche äußerlich wahrnehmbaren Schritte einer echten Maßnahme – etwa Hautschnitt, Anästhesie oder Geräteaktivierung – ohne dass der eigentlich wirksame Bestandteil angewendet wird. Ziel ist die Kontrolle unspezifischer Effekte wie Placeboeffekt, Erwartungshaltung und Beobachterverzerrung bei der Prüfung von Operationen, endoskopischen Verfahren und Neurostimulation.
Hintergrund
Die Sham-Kontrolle dient der Trennung des spezifischen Behandlungseffekts von unspezifischen Einflussgrößen. Gerade bei subjektiven Endpunkten wie Schmerzreduktion ist eine Verblindung von Teilnehmenden und Untersuchern entscheidend, da bereits das Wissen um eine erhaltene Behandlung die Ergebnisse verzerren kann. Objektive Endpunkte lassen sich dagegen häufig auch ohne Sham-Kontrolle valide erfassen.
Historisch gelten die 1959 und 1960 publizierten Studien zur bilateralen Ligatur der Arteria thoracica interna bei Angina pectoris als erste sham-kontrollierte Untersuchungen invasiver Verfahren. Sie zeigten, dass die tatsächliche Ligatur der Scheinoperation nicht überlegen war, und begründeten damit die methodische Diskussion um Placebokontrollen bei chirurgischen Eingriffen.[1]
Prinzip
Der Grad der Scheinintervention variiert je nach Studie erheblich. Er reicht von einer oberflächlichen Hautinzision ohne weiteres operatives Vorgehen bis zur vollständigen Simulation eines Eingriffs unter Vollnarkose mit anschließendem Verband, jedoch ohne die spezifisch wirksame Maßnahme. Bei gerätebasierten Verfahren, etwa der Rückenmarkstimulation, umfasst die Sham-Kontrolle häufig die Implantation eines potenziell funktionsfähigen Systems ohne dessen Aktivierung.[2]
Im Unterschied zur klassischen pharmakologischen Placebokontrolle – etwa einer wirkstofffreien Tablette – ist die Sham-Kontrolle selbst mit relevanten Risiken verbunden. Anästhesie, Hautschnitt oder Device-Implantation stellen invasive Maßnahmen dar, die den Teilnehmenden ohne Aussicht auf einen spezifischen therapeutischen Nutzen zugemutet werden.
Anwendungsbereiche
Sham-Kontrollen kommen in unterschiedlichen Bereichen der klinischen Forschung zum Einsatz:
- Chirurgische Verfahren, insbesondere bei subjektiven Endpunkten wie Schmerz oder Funktionalität
- Endoskopische Verfahren, etwa bei bariatrischen Eingriffen, gastroösophagealer Refluxkrankheit oder Sphinkter-Oddi-Dysfunktion
- Gerätebasierte und neuromodulatorische Verfahren, etwa tiefe Hirnstimulation oder Rückenmarkstimulation
Medizinische Bedeutung
Der Einsatz von Sham-Kontrollen ist ethisch umstritten, da Teilnehmende Risiken einer invasiven Maßnahme ohne erwartbaren therapeutischen Nutzen ausgesetzt werden. Eine Metaanalyse endoskopischer Sham-Studien fand in 1,7 % der Scheinbehandlungsgruppen schwerwiegende unerwünschte Ereignisse. Zudem war das Risiko bei Teilnehmenden, die nach der Sham-Phase in die Behandlungsgruppe wechselten, gegenüber primär randomisierten Teilnehmenden signifikant erhöht.[3]
Kritiker stellen infrage, ob Sham-Kontrollen in jedem Fall methodisch notwendig sind. Eine Analyse von Studien zu zellbasierten Therapien bei Morbus Parkinson fand keine durchgängige Evidenz für große oder konsistente Placeboeffekte bei diesen Verfahren und schlussfolgerte, dass der Einsatz von Sham-Kontrollen unter einem utilitaristischen Nutzenkalkül nicht in jedem Fall gerechtfertigt sei.[4] Als Alternativen werden unter anderem offene Studiendesigns mit objektiven Endpunkten, Registerdaten-basierte Vergleiche und Wartelisten-Kontrollgruppen diskutiert.[5]
Quellen
- ↑ Miller FG. The enduring legacy of sham-controlled trials of internal mammary artery ligation. Prog Cardiovasc Dis. 2012;55(3):246-50.
- ↑ Boakye M, Ugiliweneza B, Madrigal F, Mesbah S, Ovechkin A, Angeli C, Bloom O, Wecht JW, Ditterline B, Harel NY, Kirshblum S, Forrest G, Wu S, Harkema S, Guest J. Clinical Trial Designs for Neuromodulation in Chronic Spinal Cord Injury Using Epidural Stimulation. Neuromodulation. 2021;24(3):405-415.
- ↑ Schulman AR, Popov V, Thompson CC. Randomized sham-controlled trials in endoscopy: a systematic review and meta-analysis of adverse events. Gastrointest Endosc. 2017;86(6):972-985.e3.
- ↑ Polgar S, Mohamed S. Evidence-Based Evaluation of the Ethics of Sham Surgery for Parkinson's Disease. J Parkinsons Dis. 2019;9(3):565-574.
- ↑ Hetzler PT, Berger LE, Huffman SS, Lee M, Park R, Song DH, Dugdale LS. The Characteristics and Ethics of Sham Surgeries: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Ann Surg. 2023;278(2):153-158.