Nadelstichverletzung
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LoslegenEnglisch: needlestick injury, sharps injury
Definition
Unter einer Nadelstichverletzung versteht man eine Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzung, die durch spitze Gegenstände (z.B. Kanülen, Skalpelle) verursacht wird und mit Patientenblut oder anderen potenziell infektiösen Körperflüssigkeiten kontaminiert sein kann.
Hintergrund
Nadelstichverletzungen zählen zu den häufigsten Arbeitsunfällen in medizinischen Einrichtungen und sind eine ernstzunehmende Gefährdung, da verschiedene infektiöse Erreger – insbesondere HIV, HBV und HCV – übertragen werden können. Die jährliche Inzidenz wird auf 1,4 bis 9,5 Verletzungen pro 100 Beschäftigte im Gesundheitswesen geschätzt.[1]
Infektionsrisiko
Das Infektionsrisiko nach einer Nadelstichverletzung hängt von der Prävalenz einer Erkrankung beim Quellpatienten, der übertragenen Erregermenge sowie dem Nadeltyp (Hohlnadel vs. Vollnadel) ab. Die ungefähre Übertragungswahrscheinlichkeit nach perkutaner Verletzung mit einer kontaminierten Hohlnadel beträgt:[2]
Maßnahmen
Sofortmaßnahmen
Unmittelbar nach einer Nadelstichverletzung sind folgende Sofortmaßnahmen durchzuführen:[3]
- den spontanen Blutfluss nicht unterbinden – kein aktives Quetschen oder Ausdrücken im Einstichbereich
- Wunde großzügig mit Wasser und Seife spülen, anschließend mit einem Hautantiseptikum versorgen
- sofortige ärztliche Vorstellung – in Deutschland beim zuständigen D-Arzt (Durchgangsarzt), um den Unfall zu dokumentieren, Blutproben von Verletztem und (mit Einwilligung) vom Quellpatienten zu entnehmen sowie den Impfstatus zu überprüfen
Postexpositionelle Prophylaxe
HIV
Bei erhöhtem HIV-Infektionsrisiko (insbesondere Verletzung mit einer Hohlnadel nach Kontakt mit Blut eines HIV-positiven Quellpatienten) ist eine medikamentöse HIV-PEP indiziert. Sie soll so rasch wie möglich eingeleitet werden, idealerweise innerhalb von 2 Stunden, spätestens innerhalb von 72 Stunden nach der Exposition. Als Standardregime empfiehlt die Deutsch-Österreichische Leitlinie derzeit (2026) Tenofovirdisoproxil/Emtricitabin plus Dolutegravir oder Raltegravir über 28 Tage.[3] Die Indikationsstellung erfordert eine unverzügliche Risikoabschätzung durch einen erfahrenen Arzt (z.B. Infektiologe, D-Arzt).
HBV
Die Vorgehensweise richtet sich nach dem Impfstatus der verletzten Person:
- geimpfte Personen mit nachgewiesenem Impfschutz (Anti-HBs ≥ 100 IU/l): keine weitere Maßnahme erforderlich
- geimpfte Personen mit niedrigem Titer (Anti-HBs 10–99 IU/l): Auffrischimpfung (Booster) empfohlen; bei kürzlich erfolgter Grundimmunisierung kann zunächst eine Titerkontrolle ausreichen
- ungeimpfte oder Personen mit unbekanntem Impfstatus: simultane aktiv-passive Immunisierung mit Hepatitis-B-Immunglobulin (möglichst innerhalb von 48 Stunden) und Hepatitis-B-Impfung
- bestätigte Impf-Non-Responder (Anti-HBs dauerhaft < 10 IU/l trotz abgeschlossener Grundimmunisierung): Gabe von Hepatitis-B-Immunglobulin entsprechend der Risikoabschätzung; eine erneute Impfung ist in der Regel nicht sinnvoll
HCV
Für HCV steht keine postexpositionelle Prophylaxe zur Verfügung. Da eine akute HCV-Infektion in einem relevanten Anteil der Fälle spontan ausheilt und bei Persistenz mit direkt antiviral wirksamen Substanzen (DAA) hochwirksam behandelbar ist, liegt der Fokus auf engmaschiger virologischer Überwachung (HCV-PCR nach 2–4 Wochen, Antikörpertestung nach 12 und 24 Wochen) mit frühzeitiger Therapieeinleitung bei gesicherter Infektion.
Nachsorge
Die Initialdiagnostik umfasst bei der verletzten Person unmittelbar nach dem Ereignis:
- HIV-Antikörper-/Antigen-Test
- HBsAg
- Anti-HBs
- Anti-HBc
- Anti-HCV
Beim Quellpatienten sollte (mit Einwilligung) eine analoge Serologie untersucht werden. Serologische Verlaufskontrollen beim Verletzten erfolgen gemäß dem arbeitsmedizinischen Nachsorgeprogramm der DGUV in der Regel nach 6, 12 und 24 Wochen. Bei HCV-Exposition wird zusätzlich eine HCV-PCR nach 2–4 Wochen empfohlen. Eine vollständige Dokumentation (Verbandsbuch, D-Arzt-Bericht, BG-Meldung) ist gesetzlich vorgeschrieben.
Prävention
Zur Vermeidung von Nadelstichverletzungen stehen folgende Maßnahmen zur Verfügung:
- Einsatz von Sicherheitsinstrumenten mit integrierten Schutzvorrichtungen (Safety-Devices) gemäß EU-Richtlinie 2010/32/EU, umgesetzt in Deutschland durch die Biostoffverordnung (BioStoffV) und die Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe TRBA 250
- Verbot des beidhändigen Recappings (Wiederaufstecken von Nadelkappen)
- Fachgerechte Entsorgung in stich- und bruchfesten Abwurfbehältern
- Vollständige HBV-Grundimmunisierung aller Beschäftigten im Gesundheitswesen
- Regelmäßige Schulungen zum sicheren Umgang mit spitzen und scharfen Instrumenten
Quellen
- ↑ Elseviers MM, Arias-Guillén M, Gorke A, Arens HJ. Sharps injuries amongst healthcare workers: review of incidence, transmissions and costs. J Ren Care. 2014;40(3):150–6. doi: 10.1111/jorc.12050
- ↑ Tarantola A, Abiteboul D, Rachline A. Infection risks following accidental exposure to blood or body fluids in health care workers: a review of pathogens transmitted in published cases. Am J Infect Control. 2006;34(6):367–75. doi: 10.1016/j.ajic.2004.11.011
- ↑ 3,0 3,1 AWMF. S2k-Leitlinie: Medikamentöse Postexpositionsprophylaxe (PEP) nach HIV-Exposition. AWMF-Registernummer 055-004. 2022. Verfügbar unter: S2k-Leitlinie HIV-PEP.