Mannheimer Peritonitis-Index
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LoslegenEnglisch: Mannheim peritonitis index
Definition
Der Mannheimer Peritonitis-Index, kurz MPI, ist ein Scoring-System zur Risikostratifizierung und Prognoseabschätzung von Patienten mit gesicherter Peritonitis. Er wurde speziell zur Beurteilung der sekundären Peritonitis entwickelt. Sie resultiert meist aus der Perforation eines gastrointestinalen Hohlorgans.
Berechnung
Zur Berechnung des MPI werden acht einfach zu erhebende klinische und anamnestische Parameter mit unterschiedlicher Gewichtung aufsummiert, die als Risikofaktoren zu verstehen sind.
Risikofaktoren
| Risikofaktor | Punkte | |
|---|---|---|
| vorliegendes Organversagen (Niere, Lunge, Kreislauf, Darm) | 7 | |
| diffuse/generalisierte Ausbreitung (quadrantenübergreifend) | 6 | |
| Alter > 50 Jahre | 5 | |
| weibliches Geschlecht | 5 | |
| Zeitraum zwischen dem Beginn peritonitischer Symptome und dem operativen Eingriff > 24 h | 4 | |
| Vorliegen einer malignen Grunderkrankung | 4 | |
| nichtkolonische Herkunft der Infektion (Perforation außerhalb des Dickdarms) | 4 | |
| Aussehen des Exsudats | klar | 0 |
| trüb-eitrig | 6 | |
| kotig-jauchig | 12 | |
Ein Gesamtwert (Score) von 0 bis 47 ermöglicht die Vorhersage der zu erwartenden Letalität und der postoperativen Morbidität.
Der MPI dient lediglich der prognostischen Risikostratifizierung und ist kein validiertes Instrument zur Festlegung der operativen Strategie. Insbesondere die Verwendung zur Auswahl zwischen geplanter und bedarfsabhängiger Relaparotomie ist nicht ausreichend belegt.[1]
Risikostratifizierung
Die folgenden Letalitätsangaben stammen aus der 1994 veröffentlichten multizentrischen Validierung und beschreiben die damaligen Patientenkollektive.[2]
| Summenwert | Risikogruppe | Mittlere Letalität nach Billing | Wertebereich |
|---|---|---|---|
| < 21 Punkte | Low risk (I°) | ca. 2,3 % | 0–11 % |
| 21 - 29 Punkte | Intermediate risk (II°) | ca. 22,5 % | 10,6–50 % |
| > 29 Punkte | High risk (III°) | ca. 59,1 % | 41–87 % |
Klinische und therapeutische Relevanz
Der vor oder während der Erstoperation erhobene MPI liefert prognostische Zusatzinformationen, die in die chirurgische Gesamtbeurteilung einfließen können. Er ersetzt jedoch nicht die klinische Einschätzung und ist kein Instrument zur Festlegung der Operationsstrategie (siehe Berechnung).
Operationsstrategie
Bei Notfallresektionen – beispielhaft im Rahmen einer perforierten Sigmadivertikulitis – wird die Entscheidung zwischen der Anlage einer primären Anastomose und eines Stomas diskutiert.
Diskontinuitätsresektion (Hartmann-Operation)
Aus einem MPI > 26 lässt sich keine leitliniengestützte Indikation zur Hartmann-Operation ableiten. Die operative Verfahrenswahl berücksichtigt insbesondere den klinischen Zustand und die Kreislaufstabilität des Patienten (siehe: Sigmadivertikulitis).[3]
Primäre Anastomosierung
Bei niedrigem MPI und Vorliegen einer stabilen Makrozirkulation ist eine primäre Anastomosierung unter Umständen sicher vertretbar. Hierdurch kann die Morbidität gesenkt werden.
Intensivmedizinische Triage
Der Score kann der zielgerichteten Zuweisung intensivmedizinischer Ressourcen sowie palliativen Triage-Entscheidungen dienen.
Geschichte
Der Mannheimer Peritonitis-Index geht auf die frühen 1980er-Jahre zurück. Er wurde von den Chirurgen Hannes Wacha, Michael M. Linder und deren Forschergruppe der Universitätsmedizin Mannheim entwickelt und 1987 in der Fachzeitschrift "Der Chirurg" vorgestellt.[4] Die Etablierung des Scores erfolgte als Antwort auf die als unzureichend empfundene Abbildung des chirurgischen Fokus durch allgemeine physiologische Scoresysteme.
Als Datenbasis diente eine retrospektive Analyse von 1.243 Patienten mit eitriger Peritonitis. Ergänzend wurden 255 Patienten prospektiv untersucht. Aus rund 20 potenziellen Risikofaktoren erwiesen sich acht als weitgehend unabhängig und statistisch signifikant mit der Letalität assoziiert. Durch die Zuordnung gewichteter Punktwerte für diese acht Faktoren entstand der MPI, der in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen prospektiven und retrospektiven Studien weltweit validiert wurde.
Quellen
- ↑ Nechay et al., The Mannheim Peritonitis Index cannot be routinely used to guide surgical decision-making for peritonitis, Khirurgiia (Mosk), 2025
- ↑ Billing et al., Prediction of outcome using the Mannheim peritonitis index in 2003 patients. Peritonitis Study Group, Br J Surg, 1994
- ↑ AWMF, S3-Leitlinie Divertikelkrankheit/Divertikulitis, AWMF-Registernummer 021-020, Version 2.1, 2022 (gültig bis 15.10.2026)
- ↑ Linder et al., Der Mannheimer Peritonitis-Index. Ein Instrument zur intraoperativen Prognose der Peritonitis, Chirurg, 1987