Exzitotoxizität
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonym: Glutamattoxizität
Englisch: excitotoxicity
Definition
Als Exzitotoxizität bezeichnet man eine pathologische Schädigung von Neuronen durch übermäßige Aktivierung ionotroper Glutamatrezeptoren – insbesondere NMDA-Rezeptoren und AMPA-Rezeptoren. Sie führt zu einem exzessiven Ca²⁺-Einstrom in die postsynaptische Zelle und konsekutiv zum Zelltod.
Hintergrund
Der Begriff geht auf John Olney zurück, der 1969 erstmals zeigte, dass exzitatorische Aminosäuren in hoher Konzentration neurotoxisch wirken.[1]
Pathophysiologie
Die Exzitotoxizität wird durch eine pathologisch erhöhte Glutamatkonzentration im synaptischen Spalt ausgelöst. Ursachen hierfür sind u. a. überschießende präsynaptische Freisetzung, verminderte astrozytäre Wiederaufnahme über den EAAT2-Transporter sowie Zustände wie Ischämie, Hypoxie, Trauma und Entzündung.
Die anhaltende Überaktivierung von NMDA- und AMPA-Rezeptoren führt zu einem massiven Ca²⁺-Einstrom in die postsynaptische Nervenzelle. AMPA-Rezeptoren sind normalerweise nur wenig Ca²⁺-permeabel. Erst bei Verlust oder fehlerhaftem RNA-Editing der GluA2-Untereinheit werden sie hochpermeabel für Calcium – ein Mechanismus, der insbesondere bei ALS eine Rolle spielt.[2]
Der anhaltend erhöhte intrazelluläre Calciumspiegel aktiviert eine Reihe schädigender Enzyme:
- Phospholipasen – Abbau von Membranphospholipiden
- Endonukleasen – Fragmentierung der DNA
- Proteasen – Zerstörung von Zytoskelettproteinen
- Neuronale Stickstoffmonoxid-Synthase (nNOS) – Bildung von Stickstoffmonoxid und reaktiven Sauerstoffspezies (ROS)
Parallel kommt es zu einer mitochondrialen Dysfunktion: Die Mitochondrien nehmen zunächst große Mengen Ca²⁺ auf, was zur Freisetzung von Cytochrom c und Aktivierung der Caspase-Kaskade führt.[2] Je nach Schwere des Insults resultiert der Prozess in Apoptose (bei moderatem, prolongiertem Ca²⁺-Anstieg) oder Nekrose (bei massivem, akutem Ca²⁺-Einstrom).
Kainat-Rezeptoren
Exogene Agonisten wie Kainsäure (aus Rotalgen) oder synthetisches NMDA können denselben Pathomechanismus auslösen. Kainsäure wirkt dabei primär über Kainat-Rezeptoren, die eine eigenständige Untergruppe der ionotropen Glutamatrezeptoren darstellen und sich von AMPA-Rezeptoren unterscheiden.
Modifizierende Faktoren
Mehrere exogene und endogene Faktoren können exzitotoxische Prozesse verstärken:
- Hyperthermie – Erhöhte Körpertemperatur wird mit gesteigerter präsynaptischer Glutamatfreisetzung und verminderter astrozytärer Wiederaufnahme über EAAT2 in Verbindung gebracht. Bei ischämischem Schlaganfall ist Fieber in den ersten 24–48 h mit schlechteren neurologischen Outcomes assoziiert.
- Hypoglykämie – Energiemangel beeinträchtigt die ATP-abhängige Glutamat-Wiederaufnahme
- Azidose – Verändert die Ionenkanalfunktion und fördert oxidativen Stress
- Ischämie – Kombination aus Energiemangel, Glutamatakkumulation und ROS-Produktion
Klinik
Assoziierte Erkrankungen
Exzitotoxische Mechanismen sind wahrscheinlich an der Pathogenese vieler neurologischer Erkrankungen beteiligt:
- Schlaganfall (ischämisch und hämorrhagisch) – akute Glutamatüberflutung durch Energiemangel
- Epilepsie – repetitive exzitatorische Entladungen mit exzitotoxischer Dauerschädigung
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) – EAAT2-Dysfunktion und GluA2-Editing-Defekt als möglicher Kernmechanismus[2]
- Morbus Alzheimer – chronische NMDA-Überaktivierung durch gestörte Glutamathomöostase wird als pathogenetisch relevant diskutiert
- Morbus Parkinson – mögliche exzitotoxische Beteiligung an der Schädigung dopaminerger Neurone im Striatum
- Multiple Sklerose – entzündungsinduzierte Glutamatfreisetzung durch aktivierte Mikroglia als möglicher Kofaktor
- Schädelhirntrauma und Rückenmarksverletzung – mechanische Freisetzung großer Glutamatmengen
- Alkoholentzugssyndrom – Rebound-Hyperaktivität glutamaterger Systeme nach chronischer GABA-Potenzierung
Therapeutische Ansätze
Das Wissen um die Exzitotoxizität hat zur Entwicklung mehrerer klinisch eingesetzter Pharmaka geführt:
- Memantin – nicht-kompetitiver NMDA-Antagonist; zugelassen zur symptomatischen Therapie der moderaten bis schweren Alzheimer-Demenz[3]
- Riluzol – hemmt u. a. die präsynaptische Glutamatfreisetzung; zugelassen als krankheitsmodifizierende Therapie bei ALS mit moderatem Überlebensvorteil[4]
- Ketamin – NMDA-Antagonismus als Bestandteil des analgetischen und anästhetischen Wirkmechanismus
Quellen
- ↑ Olney JW. Brain lesions, obesity, and other disturbances in mice treated with monosodium glutamate. Science. 1969;164(3880):719-21. doi: 10.1126/science.164.3880.719
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Arnold FJ, Putka AF, Raychaudhuri U et al. Revisiting Glutamate Excitotoxicity in Amyotrophic Lateral Sclerosis and Age-Related Neurodegeneration. Int J Mol Sci. 2024;25(11):5587. doi: 10.3390/ijms25115587
- ↑ Buccellato FR, D'Anca M, Tartaglia GM et al. Treatment of Alzheimer's Disease: Beyond Symptomatic Therapies. Int J Mol Sci. 2023;24(18):13900. doi: 10.3390/ijms241813900
- ↑ Jaiswal MK. Riluzole and edaravone: A tale of two amyotrophic lateral sclerosis drugs. Med Res Rev. 2019;39(2):733-748. doi: 10.1002/med.21528