Mehrfachwahl-Wortschatz-Intelligenztest
Englisch: multiple choice vocabulary test
Definition
Der Mehrfachwahl-Wortschatz-Intelligenztest, kurz MWT, ist ein Kurzverfahren zur Schätzung des Intelligenzniveaus auf Grundlage der kristallinen Intelligenz.
Hintergrund
Der MWT basiert auf Wortwiedererkennung und erlaubt keine direkte Messung der Gesamtintelligenz. Pro Item wird ein existierendes deutsches Wort gemeinsam mit vier sinnlosen Distraktoren präsentiert. Die korrekte Antwort kann nicht hergeleitet werden, sondern setzt gespeichertes lexikalisches Wissen voraus.
Das Testprinzip beruht darauf, dass Wortschatzkenntnisse im Vergleich zu fluiden Funktionen bei aktuellen Hirnfunktionsstörungen (z.B. Schlaganfall, Demenz, leichtere psychische Störungen) häufig länger erhalten bleiben. Daher können diese als Indikator für die ursprüngliche intellektuelle Leistungsfähigkeit dienen.
Durchführung und Auswertung
Der MWT ist in wenigen Minuten durchführbar. Gebräuchliche Versionen sind MWT-A und MWT-B (je 37 Items).
| Beispielitems im MWT-Format (fiktiv, nicht aus dem MWT-A/B entnommen) | ||||
| Falm | Falke | Falk | Falnem | False |
| Trokel | Tonkel | Tronkel | Trocken | Trockel |
| Plifter | Pfliter | Pflaster | Pflistor | Pflastur |
| Skabul | Skabol | Skabill | Skabael | Skalpell |
| Ambivalenz | Amvibalenz | Ambivolenz | Ambivulenz | Ambivalons |
Die Anzahl korrekt gelöster Items wird in IQ-Äquivalente transformiert. Die Normierung basiert auf einer Stichprobe deutschsprachiger Erwachsener.
Anwendung
Der MWT wird vor allem in der neuropsychologischen Diagnostik zur Schätzung des prämorbiden Leistungsniveaus eingesetzt. Der MWT ist im Rahmen einer leitliniengerechten neuropsychologischen Diagnostik (z.B. AWMF S3-Leitlinie Demenzen) nur als ergänzendes Schätzverfahren einzusetzen.
Der MWT ersetzt keine umfassende Intelligenzdiagnostik. Insbesondere fluide Intelligenz, Arbeitsgedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit werden nicht erfasst.
Gütekriterien
Der MWT-B weist eine hohe Retest-Reliabilität auf, auch über längere Zeitintervalle. Die Konstruktvalidität wird durch substanzielle Korrelationen mit etablierten Intelligenztests gestützt.
Als Schätzverfahren liefert der MWT einen Näherungswert des Intelligenzniveaus. Wortschatz und IQ sind korreliert, jedoch nicht identisch.
Limitationen
Bei geringer Schulbildung oder Dyslexie kann das Ergebnis das prämorbide Niveau unterschätzen. Bei ausgeprägten Sprachstörungen kann bereits das Instruktionsverständnis beeinträchtigt sein.
In Vergleichsstudien zeigt der MWT-B teilweise eine Tendenz zur Überschätzung des IQs im Vergleich zu umfassenderen Testverfahren. Die Normstichprobe stammt aus den späten 1970er Jahren, wodurch Kohorteneffekte (Flynn-Effekt) zu systematischen Verzerrungen führen können.
Ein konzeptuell verwandtes Verfahren ist der Wortschatztest (WST) nach Schmidt & Metzler (1992), der ebenfalls auf Wortrekognition basiert, jedoch ein anderes Itemformat verwendet.
Zusätzlich können soziokultureller Hintergrund, Migrationsstatus und Sprachkompetenz das Testergebnis erheblich beeinflussen.
Literatur
- Lehrl, Mehrfachwahl-Wortschatz-Intelligenztest MWT-B, 2024
- S3-Leitlinie: Demenzen, 2026