Lungenpest
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonym: Pestpneumonie
Englisch: pneumonic plague
Definition
Die Lungenpest ist eine durch Yersinia pestis verursachte, rasch progrediente und häufig hämorrhagische Pneumonie. Sie ist die pulmonale Manifestation der Pest und kann bei engem Kontakt von Mensch zu Mensch übertragen werden.[1]
Epidemiologie
Die Pest kommt weiterhin in natürlichen tierischen Reservoiren in Teilen Afrikas, Asiens und Amerikas vor. Die meisten der WHO zwischen 2019 und 2025 gemeldeten Erkrankungen beim Menschen entfielen auf die Demokratische Republik Kongo und Madagaskar. In Madagaskar treten regelmäßig saisonale Ausbrüche auf. 2017 kam es zu einem größeren Ausbruch mit zahlreichen Lungenpestfällen.[2][3] In Europa ist die Lungenpest eine Rarität.
Anfang Oktober 2026 berichteten zahlreiche Medien über den Tod einer jungen Laborantin des Pestinstituts in Irkutsk im Rahmen eines Laborunfalls.[4][5] Da resistente Pesterreger in der Sowjetunion als Biowaffe entwickelt wurden[6], besteht erhöhtes Interesse an der Aufklärung des Falls.
Erreger
Yersinia pestis ist ein ein gramnegatives, unbewegliches, nicht sporenbildendes Stäbchenbakterium. Sein natürlicher Infektionszyklus umfasst vor allem kleine Säugetiere und deren Flöhe. Zu den wichtigsten Virulenzfaktoren von Yersinia pestis gehören:
- F1-Kapselantigen: bildet eine antiphagozytäre Proteinhülle und erschwert die Aufnahme durch Phagozyten.
- Typ-III-Sekretionssystem und Yersinia outer proteins (Yops): schleusen Effektorproteine in Wirtszellen ein und hemmen die Phagozytose sowie die angeborene Immunantwort.
- Plasminogenaktivator Pla: fördert als Protease die Gewebeinvasion und Erregerausbreitung und spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Lungenpest.
- Yersiniabactin: ermöglicht als Siderophor die Eisenaufnahme und unterstützt die bakterielle Vermehrung.[7]
Übertragung
Die Lungenpest entsteht entweder per Tröpfchen- oder Aerosolinfektion mit erregerhaltigen Partikeln oder durch hämatogene Ausbreitung einer bestehenden Pestinfektion.
Eine Übertragung ist bei Kontakt zu hustenden Erkrankten möglich. Auch infizierte Tiere können eine Infektionsquelle darstellen.[1]
Formen
Primäre Lungenpest
Die primäre Lungenpest manifestiert sich nach direkter Aufnahme des Erregers über die Atemwege. Die Inkubationszeit beträgt üblicherweise etwa 1 bis 3 Tage; kürzere Verläufe sind möglich.[8]
Sekundäre Lungenpest
Die sekundäre Lungenpest entsteht durch hämatogene Aussaat des Erregers in die Lunge, beispielsweise im Verlauf einer Beulenpest oder einer septikämischen Pest. Auch diese Form kann bei Ausscheidung des Erregers über die Atemwege ansteckend sein.[1]
Pathophysiologie
Die Infektion führt zu einer schweren Schädigung des Alveolarepithels mit pulmonaler Blutung, Lungenödem und diffusem Alveolarschaden. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer systemischen Streuung der Erreger und einer zunehmenden respiratorischen Insuffizienz. Unbehandelt endet die Erkrankung in den meisten Fällen tödlich.[9]
Klinik
Die Erkrankung beginnt meist akut mit unspezifischen Beschwerden:
- Fieber und Schüttelfrost
- Kopfschmerzen und ausgeprägtes Krankheitsgefühl
- Husten
- Dyspnoe
- Thoraxschmerzen
- Vernichtungsangst
- wässriges, purulentes oder blutig tingiertes Sputum, bis hin zur Hämoptyse
Die pulmonalen Beschwerden können sich rasch verschlechtern. Schwere Verläufe führen zu Sepsis, septischem Schock und Multiorganversagen.[2][9]
Diagnostik
Der klinische Verdacht ergibt sich aus einer rasch fortschreitenden Pneumonie und einer passenden Expositionsanamnese, insbesondere nach Aufenthalt in einem Endemiegebiet, Arbeit in einem Biolabor oder Kontakt zu erkrankten Menschen oder Tieren.
Der Erregernachweis erfolgt aus Sputum bzw. geeignetem respiratorischem Material und Blut durch PCR und/oder Bakterienkultur. Wenn möglich, werden die Proben vor Beginn der Antibiotikatherapie gewonnen. Das untersuchende Labor muss vorab über den Pestverdacht informiert werden.[10][1]
Röntgenthorax bzw. Thorax-CT zeigen rasch zunehmende Infiltrate und Konsolidierungen. Die Befunde sind nicht erregerspezifisch.[9]
Wichtig: Bei begründetem Verdacht dürfen weder die Antibiotikatherapie noch die Isolierung des/der Erkrankten bis zur mikrobiologischen Bestätigung aufgeschoben werden.[10]
Therapie
Die Lungenpest ist ein infektiologischer Notfall. Die antibiotische Behandlung muss unverzüglich, d.h. mit der Verdachtsdiagnose, beginnen. Eingesetzt werden Antibiotika, welche die bakterielle Proteinsynthese oder die DNA-Replikation hemmen. Zu den empfohlenen Wirkstoffen gehören Gentamicin, Ciprofloxacin und Levofloxacin. Weitere Optionen sind Moxifloxacin oder Streptomycin. Betalaktamantibiotika werden trotz teilweise vorhandener In-vitro-Aktivität wegen unzureichender Wirksamkeit nicht empfohlen.
Die Auswahl erfolgt unter Berücksichtigung der Erkrankungsschwere, der Organfunktionen und der Resistenz. Die Behandlungsdauer beträgt in der Regel 10 bis 14 Tage.[11]
Bei schwerer Lungenpest empfiehlt das CDC initial zwei Antibiotika unterschiedlicher Wirkstoffklassen. Nach klinischer Besserung kann auf eine Monotherapie umgestellt werden.[12]
Begleitend erfolgen eine supportive Behandlung und bei Bedarf eine intensivmedizinische Versorgung.
Infektionsschutz
Verdachtsfälle müssen unverzüglich isoliert werden. Neben der Basishygiene sind Maßnahmen zum Schutz vor Tröpfchenübertragung erforderlich. Nach CDC-Empfehlung werden diese mindestens während der ersten 48 Stunden einer wirksamen Antibiotikatherapie und bis zur klinischen Besserung aufrechterhalten.[13]
Enge, ungeschützte Kontaktpersonen werden ermittelt und überwacht. Nach relevanter Exposition ist eine siebentägige antibiotische Postexpositionsprophylaxe, beispielsweise mit Doxycyclin oder einem geeigneten Fluorchinolon, angezeigt. Das Vorgehen sollte mit den zuständigen Gesundheitsbehörden abgestimmt werden.[12]
Prognose
Meldepflicht
In Deutschland sind der Verdacht auf Pest, die Erkrankung und der Tod nach § 6 IfSG namentlich meldepflichtig. Der direkte oder indirekte Nachweis von Yersinia pestis ist nach § 7 IfSG meldepflichtig, soweit er auf eine akute Infektion hinweist.
Nach § 30 IfSG müssen an Lungenpest erkrankte oder krankheitsverdächtige Personen unverzüglich in einem Krankenhaus oder einer geeigneten Einrichtung abgesondert werden.[14]
Trivia
In Albert Camus’ Roman Die Pest (1947) tritt im Verlauf der fiktiven Pestepidemie in Oran neben der Beulenpest auch die Lungenpest auf. Seine Romanfigur Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes zur Züchtigung des Menschen deutet, leidet unter rauem, feuchten Husten, der ihn anfallsartig überkommt und erschöpft. Später tritt auch Bluthusten auf.
Bildquelle
- Lung Plague, CDC/ Dr. Marshall Fox
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Yang R. Plague: Recognition, Treatment, and Prevention. J Clin Microbiol. 2018;56(1):e01519-17.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 World Health Organization. Plague. Stand: 29. September 2026; abgerufen am 5. Oktober 2026.
- ↑ World Health Organization. Manual for plague surveillance, diagnosis, prevention and control. Geneva: WHO; 2024.
- ↑ Deutschlandfunk. Russland: Laborantin im ostsibirischen Irkutsk an Pest gestorben. 3. Oktober 2026.
- ↑ Doval A. Pest in Sibirien? Russland gerät nach Tod einer Laborantin in Panik. Euronews. 4. Oktober 2026.
- ↑ Zilinskas RA. The anti-plague system and the Soviet biological warfare program. Crit Rev Microbiol. 2006;32(1):47-64. doi: 10.1080/10408410500496896. PMID: 16610337.
- ↑ Demeure CE et al. Yersinia pestis and plague: an updated view on evolution, virulence determinants, immune subversion, vaccination, and diagnostics. Genes Immun. 2019;20(5):357–370.
- ↑ Nelson CA et al. Antimicrobial Treatment and Prophylaxis of Plague: Recommendations for Naturally Acquired Infections and Bioterrorism Response. MMWR Recomm Rep. 2021;70(3):1–27.
- ↑ 9,0 9,1 9,2 Wang W et al. Imaging analysis of pneumonic plague infection in Xizang, China: a case report and literature review. BMC Pulm Med. 2024;24:378.
- ↑ 10,0 10,1 Centers for Disease Control and Prevention. Clinical Testing and Diagnosis for Plague. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
- ↑ Centers for Disease Control and Prevention. Clinical Care of Plague. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
- ↑ 12,0 12,1 Nelson CA et al. Antimicrobial Treatment and Prophylaxis of Plague: Recommendations for Naturally Acquired Infections and Bioterrorism Response. MMWR Recomm Rep. 2021;70(3):1–27.
- ↑ Centers for Disease Control and Prevention. Guidance for Responding to a Plague Bioterrorism Event. Abgerufen am 5. Oktober 2026.
- ↑ Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Infektionsschutzgesetz, §§ 6, 7 und 30. Abgerufen am 5. Oktober 2026.