Letournel-Klassifikation
nach dem französischen Orthopäden Émile Letournel (1927–1994) und dem französischen Orthopäden Robert Judet (1909–1980)
Synonym: Judet-Letournel-Klassifikation
Englisch: Letournel classification, Judet-Letournel classification
Definition
Die Letournel-Klassifikation ist das weltweit am häufigsten verwendete System zur Einteilung von Acetabulumfrakturen der Hüfte. Sie basiert auf der anatomischen Vorstellung, dass das Acetabulum von zwei tragenden Knochenpfeilern (Vorder- und Hinterpfeiler) gehalten wird.[1]
Anatomische Grundlagen
Das System unterscheidet zwei funktionelle Pfeiler:
- Vorderer Pfeiler: Reicht vom Os ilium über die vordere Pfannenwand bis zum Schambein.
- Hinterer Pfeiler: Umfasst den posterioren Anteil des Os ilium, den massiven Knochenanteil des Os ischii sowie die hintere Pfannenwand.
Einteilung
Letournel unterteilt die Frakturen in insgesamt 10 Typen, die in zwei Gruppen gegliedert werden: 5 einfache (elementare) Formen und 5 zusammengesetzte (assoziierte) Formen.[1]
Elementare Frakturtypen
Diese Frakturen betreffen isoliert nur eine Komponente des Acetabulums:
- Hintere Wandfraktur: Bruch eines Teils des hinteren Pfannenrandes (häufig bei dorsaler Hüftluxation).
- Hintere Pfeilerfraktur: Die Frakturlinie trennt den gesamten hinteren Pfeiler ab.
- Vordere Wandfraktur: Seltener Typ, bei dem nur ein Teil des vorderen Randes abbricht.
- Vordere Pfeilerfraktur: Betrifft den gesamten vorderen Pfeiler bis hin zur Beckenschaufel.
- Querfraktur: Horizontale Frakturlinie, die beide Pfeiler durchtrennt; es liegt keine zusätzliche vertikale Frakturkomponente vor.
Assoziierte Frakturtypen
Kombinationen aus den elementaren Typen:
- Hintere Pfeiler- und hintere Wandfraktur: Kombination aus Pfeiler- und Randabbruch.
- Quer- und hintere Wandfraktur: Querfraktur mit zusätzlichem Abbruch der hinteren Wand.
- T-Fraktur: Eine Querfraktur mit einer zusätzlichen vertikalen Spaltlinie durch das Foramen obturatum.
- Vordere Pfeiler- und hintere Hemiquerfraktur: Fraktur des vorderen Pfeilers kombiniert mit einer horizontalen Linie durch den hinteren Pfeiler.
- Zwei-Pfeiler-Fraktur (Both-column): Komplexeste Form, bei der alle Gelenkanteile vom axialen Skelett (Iliosakralgelenk) abgetrennt sind („floating acetabulum").
Diagnostik
Die Klassifikation erfolgt klassischerweise über drei Röntgenaufnahmen (Judet-Aufnahmen):
- Beckenübersicht (a.p.)
- Ala-Aufnahme: 45°-Schrägaufnahme zur Beurteilung des hinteren Pfeilers und der vorderen Wand.
- Obturator-Aufnahme: 45°-Schrägaufnahme zur Beurteilung des vorderen Pfeilers und der hinteren Wand.
Heutzutage ist die Computertomographie (CT) mit Dünnschichtprotokoll und 3D-Rekonstruktion Standard, um die oft komplexe Morphologie sicher einzuordnen. Die CT-gestützte Anwendung der Letournel-Klassifikation zeigt eine moderate bis gute Interrater-Reliabilität.[2][3]
Klinische Relevanz
Die Klassifikation ist Grundlage der operativen Planung: Je nach Frakturtyp werden unterschiedliche operative Zugangswege gewählt. Hintere Pfeiler- und Wandfrakturen werden in der Regel über den Kocher-Langenbeck-Zugang versorgt, während vordere Pfeilerfrakturen und assoziierte Typen häufig einen ilioinguinalen oder kombinierten Zugang erfordern. Einfache, nicht dislozierte Frakturen können unter Umständen konservativ behandelt werden.[4]
Abgrenzung
Neben der Letournel-Klassifikation existiert die AO/OTA-Klassifikation (Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen/Orthopaedic Trauma Association), die Acetabulumfrakturen alphanumerisch codiert und eine weitergehende Standardisierung in der Forschung ermöglicht. Im klinischen Alltag hat die Letournel-Klassifikation aufgrund ihrer direkten anatomischen Logik und therapeutischen Konsequenz weiterhin den höchsten Stellenwert.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Letournel E, Judet R. Fractures of the Acetabulum. 2nd ed. Springer-Verlag; 1993.
- ↑ Matta JM, Anderson LM, Epstein HC, Hendricks P. Fractures of the acetabulum. A retrospective analysis. Clin Orthop Relat Res. 1986;(205):230-240.
- ↑ Verbeek DO, van der List JP, Simon MS, Tissue CM, Wellman DS, Helfet DL. Assessing Agreement of Acetabular Fracture Classification Systems: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Bone Joint Surg Am. 2019;101(8):724-731. doi: 10.2106/JBJS.18.00250
- ↑ Giannoudis PV, Grotz MR, Papakostidis C, Dinopoulos H. Operative treatment of displaced fractures of the acetabulum. A meta-analysis. J Bone Joint Surg Br. 2005;87(1):2-9. doi: 10.1302/0301-620X.87B1.15011