Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene
Synonym: Homburger ADHS-Skalen
Englisch: Homburg ADHD Scales for Adults
Definition
Die Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene, kurz HASE, sind ein psychometrisches Diagnostikinstrument zur strukturierten Erfassung typischer Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie ergänzen die klinische Diagnostik.
Hintergrund
Während sich ADHS im Kindesalter häufig durch motorische Hyperaktivität manifestiert, treten im Erwachsenenalter vermehrt Symptome wie Aufmerksamkeitsstörungen, innere Unruhe, Impulsivität und alltagsrelevante Funktionsbeeinträchtigungen in den Vordergrund. Die HASE wurden entwickelt, um diese altersabhängige Symptomverschiebung abzubilden und eine Erfassung erwachsenspezifischer ADHS-Merkmale zu ermöglichen.
Aufbau
Die Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene bestehen aus mehreren aufeinander abgestimmten Einzelmodulen:
- retrospektive Erfassung kindlicher ADHS-Symptome (WURS-k),
- Selbst- und Fremdbeurteilung der aktuellen ADHS-Symptomatik im Erwachsenenalter (ADHS-SB, ADHS-DC)
- strukturierte Interview- und Selbstbeurteilungsverfahren zur vertieften psychopathologischen Einschätzung (Wender-Reimherr-Interview, Wender-Reimherr-Selbstbeurteilungsskala).
Die einzelnen Skalen orientieren sich an den diagnostischen Kriterien des DSM-IV/-5 sowie den relevanten ICD-Versionen und ermöglichen sowohl eine dimensionale als auch eine kategoriale Bewertung der Symptomatik.
Durchführung
Die HASE können papierbasiert oder elektronisch durchgeführt werden. Der zeitliche Aufwand ist abhängig von den eingesetzten Einzelverfahren und reicht von kurzen Selbstbeurteilungsskalen bis zu zeitintensiveren Interviewanteilen. Voraussetzung für eine sinnvolle Anwendung ist ein ausreichendes Sprachverständnis sowie die Fähigkeit zur realistischen Selbsteinschätzung.
Auswertung und Interpretation
Die Interpretation der Ergebnisse erfolgt anhand normierter Referenzwerte. Erhöhte Skalenwerte weisen auf eine klinisch relevante ADHS-typische Symptomatik hin, erlauben jedoch keine Diagnosestellung im engeren Sinne. Die HASE ersetzen weder eine ausführliche klinische Exploration noch die Berücksichtigung von Entwicklungsanamnese, Fremdbeurteilungen oder komorbiden Störungen.
Klinische Bedeutung
In der klinischen Praxis werden die Homburger ADHS-Skalen zur orientierenden Abklärung bei Verdacht auf ADHS im Erwachsenenalter, zur Ergänzung einer multimodalen Diagnostik sowie zur Verlaufsbeurteilung unter medikamentöser oder psychotherapeutischer Behandlung eingesetzt. Sie ermöglichen eine strukturierte Einschätzung der ADHS-typischen Symptomatik aus Selbst-, Fremd- und klinischer Perspektive.
Abgrenzung
Die Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene sind ein ergänzendes Instrument der ADHS-Diagnostik. Im Vergleich zur ASRS gehen sie über ein reines Screening hinaus. Die Brown ADD Scales fokussieren sich stärker auf exekutive Funktionsstörungen.
Limitationen
Als überwiegend subjektiv basierte Verfahren unterliegen die HASE typischen Einschränkungen, etwa durch Antwortverzerrungen, mangelnde Krankheitseinsicht oder den Einfluss komorbider psychischer Erkrankungen (z.B. affektive Störungen, Substanzgebrauchsstörungen). Die Ergebnisse sollten daher stets im klinischen Kontext interpretiert werden.
Literatur
- Rösler, M., Retz-Junginger, P., Retz, W., & Stieglitz, R. D. (2021). HASE-Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene: Untersuchungsverfahren zur syndromalen und kategorialen Diagnostik der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter: Manual, 2021