Herbstscharnier
nach den deutschen Zahnmediziner Emil Herbst (1872-1940)
Synonyme: Herbstscharnier, Herbst-Scharnier, Herbst-Apparatur
Englisch: Herbst appliance
Definition
Das Herbstscharnier ist eine festsitzende kieferorthopädische Apparatur, die zur Behandlung von Fehlstellungen der Kiefer verwendet wird, insbesondere zur Therapie einer Klasse-II-Dysgnathie (Distalbiss).
Aufbau
Die Apparatur besteht aus teleskopartigen Metallstangen, die beidseitig an den Molaren und Prämolaren des Ober- und Unterkiefers befestigt werden. Diese Stangen verbinden beide Kiefer und erzwingen durch mechanische Krafteinwirkung eine Vorverlagerung des Unterkiefers. Dadurch kann das Kieferwachstum positiv beeinflusst werden, was die Fehlstellungen reduziert oder vollständig korrigiert.
Funktionsprinzip
Das Herbstscharnier hält den Unterkiefer 24 Stunden pro Tag in einer vorgeschobenen Position. Daraus resultieren:
- Dentoalveoläre Effekte: mesiale Bewegungstendenz im Unterkiefer und distale Bewegungstendenz im Oberkiefer; häufig Proklination der Unterkieferfront
- Funktionell-adaptive Effekte: Veränderung der neuromuskulären Führung, bei wachsenden Patienten anteilige skelettale Adaptation (wachstums- und reifeabhängig)
Indikation
Das Herbstscharnier wird vor allem bei Kindern und Jugendlichen während der Wachstumsphase eingesetzt, da zu diesem Zeitpunkt das Kieferwachstum noch aktiv beeinflusst werden kann. Besonders geeignet ist die Apparatur bei:
- Klasse-II-Dysgnathie mit Unterkieferrücklage und vergrößerter sagittaler Frontzahnstufe
- Mandibulärer Retrognathie
Ein Herbstscharnier ist vor allem bei unzureichender Mitarbeit mit herausnehmbaren funktionskieferorthopädischen Geräten eine Behandlungsoption. Ferner ist es indikationsabhängig auch bei spätem Behandlungsbeginn mit begrenztem Restwachstum einsetzbar.
Die Indikationsstellung erfolgt im Rahmen der kieferorthopädischen Behandlung durch
- klinische Analyse der sagittalen Okklusion (Molaren-/Eckzahnrelation, Overjet, Overbite)
- Funktionsbefund (Kiefergelenk/Kaumuskulatur, Unterkieferbeweglichkeit, Zwangsbiss)
- Modell- und Scananalyse
- bildgebende Diagnostik nach Fragestellung (z.B. FRS zur Bestimmung der skelettalen Relation)
Behandlungsablauf
Das Herbstscharnier wird nach Eingliederung auf eine definierte Vorschubposition eingestellt und verbleibt üblicherweise über mehrere Monate in situ. Kontrollen erfolgen in regelmäßigen Intervallen. Häufig wird es in ein kombiniertes Behandlungskonzept integriert. z.B. zeitgleich oder sequenziell mit festsitzender Multibandapparatur zur Feineinstellung.
Nach Entfernung ist eine Retention bzw. Stabilisierung des erreichten Ergebnisses erforderlich. Art und Dauer richten sich nach Ausgangsbefund und Behandlungsziel.
Komplikationen
- Proklination oder Intrusion der Unterkieferfrontzähne
- Irritationen der Wangenschleimhaut, Druckstellen in der Eingewöhnung
- Technische Probleme (Lockerungen, Frakturen, Reparaturbedarf)
Literatur
- Proffit WR et al.: Contemporary Orthodontics
- Graber LW et al.: Orthodontics: Current Principles and Techniques
- Pancherz H: Arbeiten zur Klasse-II-Korrektur mit festsitzenden Unterkiefervorschubapparaturen (Langzeitstabilität/Behandlungseffekte)