Defizitmodell des Alterns
Synonym: Defizitakkumulationsmodell
Englisch: cumulative deficit model, deficit accumulation model
Definition
Das Defizitmodell des Alterns ist ein gerontologisches Erklärungsmodell, bei dem das biologische Altern durch die kumulative Ansammlung von gesundheitlichen Defiziten beschrieben wird, die sich klinisch heterogen in Form von Symptomen, Funktionseinschränkungen, abweichenden Laborwerten oder Behinderungen widerspiegeln. Die Summe dieser Defizite spiegelt die Vulnerabilität und das Risiko für schädliche gesundheitliche Ereignisse wider.
Hintergrund
Das Defizitmodell bestimmte über Jahrzehnte die wissenschaftliche und gesellschaftliche Sicht auf das Alter. Es wurde vor allem geprägt durch Rockwood und Mitnitski und deren medizinisch-biologischen Beobachtungen altersabhängiger Funktionsrückgänge. Altern wurde dabei als weitgehend einheitlicher, biologisch determinierter Prozess verstanden, der zwangsläufig mit Leistungsabnahme einhergeht. In der heutigen Altersforschung wird dieses Modell kritisch reflektiert und durch neue Erkenntnisse ergänzt.
Zentrale Annahmen
Das Defizitmodell des Alterns sieht den natürlichen Alterungsprozess primär als Abbau körperlicher, kognitiver und psychosozialer Funktionen. Altersbezogene Veränderungen werden überwiegend als Verluste interpretiert.
Die Quantifizierung erfolgt über den Frailty Index, der als Verhältnis der vorhandenen Defizite zur Gesamtzahl der betrachteten Defizite berechnet wird. Je höher der Index, desto ausgeprägter ist die Frailty und desto höher ist das Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko. Das Modell geht davon aus, dass jedes Defizit gleich gewichtet wird und dass die Akkumulation dieser Defizite ein graduelles, nicht binäres Maß für Frailty und biologisches Altern darstellt.
Biologische Komponente
Im biologischen Bereich betont das Defizitmodell altersabhängige Rückgänge wie:
- Abnahme von Muskelkraft und Ausdauer
- Verminderte Sinnesleistungen (Sehen, Hören)
- Reduzierte Anpassungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems
- Reduzierte Immunantwort
Kognitive Komponente
Kognitive Alterungsprozesse werden im Defizitmodell vor allem als Abnahme verstanden, insbesondere von:
- Gedächtnisleistung
- Verarbeitungsgeschwindigkeit
- Aufmerksamkeit und Flexibilität
Erhaltene oder kompensierte kognitive Fähigkeiten werden in dieser Perspektive wenig berücksichtigt.
Psychosoziale Komponente
Auch psychosoziale Veränderungen werden überwiegend defizitorientiert gedeutet, etwa:
- Rückzug aus sozialen Rollen
- Abnahme gesellschaftlicher Teilhabe
- Verlust von Autonomie
Individuelle Anpassungsleistungen und neue Rollen im Alter finden in diesem Modell nur begrenzt Beachtung.
Quellen
- Rockwood und Mitnitski, Frailty defined by deficit accumulation and geriatric medicine defined by frailty, Clin Geriatr Med, 2011
- Mitnitski et al., Accumulation of deficits as a proxy measure of aging, ScientificWorldJournal, 2001