Hikikomori
von japanisch: 引き篭り – sich einschließen
Englisch: hikikomori, social withdrawal syndrome
Definition
Hikikomori bezeichnet einen schweren und prolongierten sozialen Rückzug. Ursprünglich wurde der Begriff in Japan geprägt, mittlerweile sind jedoch weltweit vergleichbare Prävalenzen dokumentiert.[1] Hikikomori bezeichnet sowohl das Phänomen als auch die betroffenen Personen.
Klassifikation
Hikikomori wird weder im ICD-11 noch im DSM-5 als eigenständige Diagnose geführt. Die Zuordnung zu etablierten Klassen psychischer Erkrankungen wie Schizophrenie, Angsterkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen ist weiterhin offen, häufig liegt eine Komorbidität mit Depression, sozialer Phobie oder Gaming Disorder vor.[2]
Seit der COVID-19-Pandemie wird zwischen pathologischem und nicht-pathologischem Hikikomori unterschieden: Sozialer Rückzug per se gilt nicht mehr als pathologisch, erst in Kombination mit funktioneller Beeinträchtigung und subjektivem Leidensdruck.[2]
Symptome
- Sozialer Rückzug über mindestens sechs Monate, meist in das Elternhaus
- Unfähigkeit, eine Schule oder berufliche Tätigkeit aufzusuchen
- Vermeidung sozialer Situationen und Beziehungen, häufig auch zu Familienmitgliedern
- Funktionelle Beeinträchtigung und subjektives Leiden
- Häufige Komorbiditäten: Depression, Soziale Phobie, Autismus-Spektrum-Störung, Gaming Disorder sowie zwanghafte und schizoide Persönlichkeitszüge[3]
Diagnostik
Als Assessmentinstrumente werden eingesetzt:
- Hikikomori Diagnostic Evaluation (HiDE) – semistrukturiertes Interview zur Differenzierung zwischen pathologischem und nicht-pathologischem Hikikomori.[2]
- 25-item Hikikomori Questionnaire (HQ-25) – validiertes Screening-Instrument, das international eingesetzt wird.[1]
Epidemiologie
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von 19 Studien (58.229 Teilnehmer) ergab eine gepoolte globale Prävalenz von 8,0 %. Signifikante Unterschiede zwischen ost- und westlichen Regionen sowie zwischen den Geschlechtern wurden nicht gefunden.[1] Schätzungen des japanischen Kabinettsbüros gehen von über einer Million Betroffenen in Japan aus.
Therapie
Eine etablierte Standardtherapie existiert bislang nicht. Eingesetzt werden:
- Verhaltenstherapie, insbesondere Kognitive Verhaltenstherapie
- Familientherapie und psychoedukative Interventionen für Angehörige
- Psychopharmakotherapie zur Behandlung komorbider Störungen
- Neuere Ansätze wie Virtual-Reality-basiertes Social Skills Training für Familienmitglieder zeigen vielversprechende Ergebnisse.[4]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Zhang W, Chen MY, Feng Y, et al. Epidemiology of Hikikomori: A systematic review and meta-analysis of 19 studies. Psychiatry Clin Neurosci. 2025;79(4):138–146.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Kato TA, Sartorius N, Shinfuku N. Shifting the paradigm of social withdrawal: a new era of coexisting pathological and non-pathological hikikomori. Curr Opin Psychiatry. 2024;37(3):177–184.
- ↑ Nonaka S, Kubo H, Takeda T, Sakai M. Functioning, disability, and health of individuals with Hikikomori (prolonged social withdrawal) and their families: A systematic review and meta-analysis of case-control studies. Int J Soc Psychiatry. 2025;71(4):622–641.
- ↑ Kubo T, Kato TA. Virtual reality as a novel therapeutic tool in psychiatry: will virtual reality intervention for families rescue hikikomori?. Curr Opin Psychiatry. 2025;38(3):227–234.