Geneva-Score
Synonym: Genfer Score
Englisch: Geneva score
Definition
Der Geneva-Score ist ein Scoring-System, das dazu dient, die Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie zu ermitteln. Im Vergleich zum Wells-Score wurde hier darauf Wert gelegt, dass sämtliche Kriterien objektivierbar sind.
Aufbau
Der Geneva-Score wird in 2 Versionen verwendet. Zur Auswertung des ursprünglichen Geneva-Scores wird eine Blutgasanalyse benötigt. Heute wird vor allem auf die revidierte Form des Scores zurückgegriffen, die in einer originalen und einer vereinfachten Bewertung existiert.[1]
| Parameter | Punkte | ||
|---|---|---|---|
| Original | Vereinfacht | ||
| Alter > 65 Jahre | 1 | 1 | |
| Frühere tiefe Venenthrombose oder Lungenembolie (LE) | 3 | 1 | |
| Operation oder Knochenbruch innerhalb des letzten Monats | 2 | 1 | |
| Aktive Neoplasie | 2 | 1 | |
| Einseitiger Beinschmerz | 3 | 1 | |
| Schmerzhafte Palpation der tiefen Beinvenen und einseitiges Beinödem | 4 | 1 | |
| Blutiger Auswurf | 3 | 1 | |
| Herzfrequenz |
75-94/min | 3 | 1 |
| ≥ 95/min | 5 | 2 | |
Rechner
Beurteilung
Original
3-stufige Bewertung:
- 0–3 Punkte: Geringe Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie
- 4–10 Punkte: Mittlere Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie
- ≥ 11 Punkte: Hohe Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie
2-stufige Bewertung:
- 0–4 Punkte: Niedrige Wahrscheinlichkeit
- ≥ 5 Punkte: Hohe Wahrscheinlichkeit
Vereinfachter Score
3-stufige Bewertung:
- 0–1 Punkt: Geringe Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie
- 2–6 Punkte: Mittlere Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie
- ≥ 7 Punkte: Hohe Wahrscheinlichkeit einer Lungenembolie
2-stufige Bewertung:
- 0–2 Punkte: Niedrige Wahrscheinlichkeit
- ≥ 3 Punkte: Hohe Wahrscheinlichkeit
Die 2-stufige Bewertung oder die vereinfachte Bewertung beeinträchtigt die diagnostische Aussagekraft nicht.
Aussagekraft
Prätestwahrscheinlichkeit
Der Geneva-Score dient der Abschätzung der klinischen Vortestwahrscheinlichkeit einer Lungenembolie und bildet damit die Grundlage für das weitere diagnostische Vorgehen. In der ursprünglichen Validierungsstudie des revidierten Geneva-Scores ergaben sich folgende Prävalenzen:
- Niedrige Wahrscheinlichkeit: etwa 9 %
- Mittlere Wahrscheinlichkeit: etwa 27 %
- Hohe Wahrscheinlichkeit: etwa 72 %
Für den vereinfachten Geneva-Score zeigte sich eine vergleichbare, jedoch insgesamt etwas flachere Risikostratifizierung:
- Niedrig: ca. 10 %
- Intermediär: ca. 22 %
- Hoch: ca. 45 %
Eine niedrige Wahrscheinlichkeit schließt eine Lungenembolie nicht sicher aus, während eine hohe Wahrscheinlichkeit die Diagnose nahelegt, jedoch nicht beweist. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Kombination mit D-Dimer-Diagnostik (ggf. altersadjustiert) und/oder bildgebenden Verfahren im Rahmen standardisierter Diagnosealgorithmen.
Likelihood Ratios
Die diagnostische Trennschärfe des Geneva-Scores ist begrenzt (LR+ etwa 1–2, LR− etwa 0,5–0,8). Der Score führt daher nur zu einer moderaten Veränderung der Vortestwahrscheinlichkeit und ist primär ein Instrument zur strukturierten Risikostratifizierung, nicht zur eigenständigen Diagnosestellung.
Abgrenzung
Der wesentliche Unterschied zwischen Geneva- und Wells-Score liegt in der Methodik. Der Geneva-Score basiert ausschließlich auf objektivierbaren Parametern. Der Wells-Score enthält hingegen zusätzlich das Kriterium „alternative Diagnose weniger wahrscheinlich als Lungenembolie“, das eine ärztliche Bewertung voraussetzt. Beide Scores zeigen in Studien insgesamt eine vergleichbare diagnostische Gesamtleistung und führen zu ähnlichen Prätestwahrscheinlichkeiten in den jeweiligen Risikogruppen.[2]
Literatur
- Ebadi et al., Assessing clinical probability of pulmonary embolism: prospective validation of the simplified Geneva score, J Thromb Haemost . 2017
- Falster et al., Comparison of international guideline recommendations for the diagnosis of pulmonary embolism, Lancet Haematol . 2023
Quellen
- ↑ S2k-Leitlinie – Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und Lungenembolie. AWMF online. 2023
- ↑ Marca et. al., Comparison of Wells and Revised Geneva Rule to Assess Pretest Probability of Pulmonary Embolism in High-Risk Hospitalized Elderly Adults, J Am Geriatr Soc . 2015