Byssinose
von altgriechisch: βύσσος ("býssos") - feines Leinen, Flachs
Englisch: byssinosis
Definition
Bei der Byssinose handelt es sich um eine Lungenerkrankung, die im Rahmen der Verarbeitung von Sisal, Rohbaumwolle oder Flachs als Berufskrankheit auftritt.
Epidemiologie
Die Byssinose ist eine berufsbedingte Lungenerkrankung, die vor allem bei Beschäftigten der Textilindustrie auftritt. Historisch war sie in Europa und Nordamerika im 19. und frühen 20. Jahrhundert weit verbreitet. Durch verbesserte Arbeitsbedingungen (z.B. Staubkontrolle, Vorwäsche der Baumwolle) und arbeitsmedizinische Prävention ist sie in Industrieländern deutlich zurückgegangen.
Heute (2026) findet sich die Byssinose überwiegend in Ländern mit weniger strengen Arbeitsschutzmaßnahmen, vor allem in Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Die Prävalenz unter exponierten Arbeitern kann je nach Expositionsintensität und Schutzmaßnahmen erheblich variieren. In älteren Studien bei Baumwollarbeitern wird sie mit bis zu 20–50 % angegeben.
Risikofaktoren
Risikofaktoren sind vor allem eine hohe Staubbelastung, mangelnde Belüftung der Arbeitsräume sowie fehlende persönliche Schutzausrüstung (z.B. FFP3-Masken).
Ätiopathogenese
Auslösender Faktor ist die Inhalation von organischem Staub aus Rohbaumwolle, Flachs oder Sisal. Die Gesamtstaubexposition stellt dabei den wichtigsten Risikofaktor für die Entwicklung der Erkrankung dar.[1] Als zusätzliche pathogenetische Komponenten werden bakterielle Kontaminanten des Staubs, insbesondere Endotoxine (Lipopolysaccharide) aus Zellwänden gramnegativer Bakterien diskutiert.[2]
Die Exposition führt über eine Aktivierung von Makrophagen und anderen Immunzellen zur Freisetzung proinflammatorischer Zytokine (u.a. TNF-α, IL-1). Dies resultiert in einer neutrophilen Entzündungsreaktion der Atemwege mit nachfolgendem Bronchospasmus. Im Gegensatz zum Asthma bronchiale ist die Erkrankung nicht IgE-vermittelt.[3]
Die akute inhalative Belastung mit den Stäuben verursacht nach 1,5 bis zwei Stunden einen Bronchospasmus. Bei langanhaltender Exposition entsteht eine chronische Bronchitis. Histopathologisch finden sich eine Hyperplasie der Becherzellen, eine vermehrte Schleimproduktion sowie entzündliche Infiltrate. Langfristig kann dies zu strukturellen Umbauprozessen der Atemwege mit Entstehung einer COPD führen.
Klinik
Die Byssinose wird auch als Monday disease bezeichnet, da die betroffenen Patienten am Wochenende beschwerdefrei sind. Die Rückkehr an den Arbeitsplatz am Montag führt zunächst zur Dyspnoe, die nach einiger Zeit abklingt und nach einer Arbeitspause erneut auftritt. Die zeitliche Dynamik ist dadurch bedingt, dass eine anhaltende Exposition unter der Woche zu einer Abschwächung der Beschwerden führt. Nach einer Unterbrechung der Exposition kommt es bei erneutem Kontakt (montags) wieder zu einer stärkeren Reaktion.
Bei langanhaltender Exposition klagen die betroffenen Patienten über die typischen Symptome einer chronischen Bronchitis wie z.B. produktiven Husten und Belastungsdyspnoe. Im Laufe der Zeit ist auch die Entwicklung einer Ruhedyspnoe möglich.
Eine mögliche Komplikation ist das rezidivierende Auftreten einer bakteriellen Bronchitis.
Diagnostik
Grundlegend sind die Anamnese und die klinische Untersuchung. Während eines Bronchospasmus lässt sich ein Giemen auskultieren. Wenn sich eine chronische Bronchitis entwickelt hat, führt diese zu einem Giemen und Brummen bei der Auskultation.
Wegweisend ist die arbeitsplatzbezogene Spirometrie, die einen typischen FEV1-Abfall nach Exposition zeigt.
Der Röntgen-Thorax ist zu Beginn der Erkrankung häufig unauffällig. Später ist eine peribronchitische Zeichnungsvermehrung möglich.
Ergänzend kann eine weiterführende Lungenfunktionsdiagnostik durchgeführt werden.
Differenzialdiagnose
Differenzialdiagnostisch muss an ein allergisches Asthma bronchiale sowie an die exogen allergische Alveolitis gedacht werden.
Therapie
Die Primärtherapie ist die Kontaktvermeidung der auslösenden Stoffe. Durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, z.B. das Waschen der Baumwolle oder eine stärkere Durchlüftung der Produktionsräume, kann ebenfalls ein Symptomreduktion erreicht werden.
Die chronische Bronchitis kann mit Sympathomimetika, inhalativen Glukokortikoiden und inhalativen Anticholinergika behandelt werden.
Prognose
Beim akuten Bronchospasmus sind in der Regel keine Folgeschäden zu erwarten. Im Frühstadium ist die Erkrankung vollständig reversibel. Wenn ein Patient jedoch bereits eine chronische Bronchitis entwickelt hat, besteht die Gefahr der Entwicklung einer hyperkapnischen respiratorischen Insuffizienz und eines Cor pulmonale.
Quellen
- ↑ Christiani DC, Ye TT, Zhang S, Wegman DH, Eisen EA, Ryan LA, Olenchock SA, Pothier L, Dai HL. Cotton dust and endotoxin exposure and long-term decline in lung function: results of a longitudinal study. Am J Ind Med. 1999 Apr;35(4):321-31. doi: 10.1002/(sici)1097-0274(199904)35:4<321::aid-ajim1>3.0.co;2-l. PMID: 10086207.
- ↑ Bragg CK et al: Acute bronchoconstriction induced by cotton dust: dose-related responses to endotoxin and other dust factors (1984) CDC Stacks, abgerufen am 24.3.2026
- ↑ Petronio L, Bovenzi M. Byssinosis and serum IgE concentrations in textile workers in an Italian cotton mill. Br J Ind Med. 1983 Feb;40(1):39-44. doi: 10.1136/oem.40.1.39. PMID: 6824598; PMCID: PMC1009115.