Anna-Karenina-Prinzip
Englisch: Anna-Karenina-Principle
Definition
Das Anna-Karenina-Prinzip ist ein heuristisches Konzept, das eine Zunahme der Variabilität zwischen Individuen innerhalb einer erkrankten Population im Vergleich zu einer gesunden Population (β-Diversität) postuliert. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diese Grundannahme, zeigen jedoch, dass je nach Ursache einer Erkrankung neben Heterogenisierungseffekten auch Homogenisierungseffekte auftreten können.
Nomenklatur
Der Name leitet sich von dem Buch "Anna Karenina" des russischen Autors Lew Tolstoi ab. Der erste Satz des Buches lautet: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich". Im Jahr 1997 übertrug der Evolutionsbiologe Jared Diamond diesen heuristischen Ansatz auf seine Forschung und prägte so den Begriff des Anna-Karenina-Prinzips.
Grundlage
Das Anna-Karenina-Prinzip postuliert:
- Für das Eintreten eines Erfolgs müssen gleichzeitig kritische Faktoren erfüllt sein.
- Für das Eintreten von Misserfolg genügt das (initiale) Fehlen eines einzelnen Faktors.
Klassifikation der Effekte
In einer Studie aus dem Jahr 2017 wurde das Anna-Karenina-Prinzip zur Analyse tierischer dysbiotischer Mikrobiome angewandt. Hierbei wurde ein Verteilungsmuster in der Veränderung der Artenvielfalt gefunden, die von den Autoren wie folgt klassifiziert wurde:[1]
- Anna-Karenina-Prinzip-Effekte (AKP-Typ): Proben zeigen eine höhere inter-individuelle Heterogenität (höhere β-Diversität) mit größerer Streuung
- Anti-Anna-Karenina-Prinzip-Effekte (anti-AKP-Typ): Proben zeigen Homogenisierungseffekte (niedrigere β-Diversität) mit Clusterung
- Keine Anna-Karenina-Prinzip-Effekte: Proben zeigen keine signifikanten Unterschiede in der β-Diversität
Bei der Untersuchung menschlicher Mikrobiome zeigten etwa die Hälfte der untersuchten Dysbiosen Anna-Karenina-Prinzip-Effekte und etwa ein Viertel Anti-Anna-Karenina-Prinzip-Effekte. Bei einem Viertel der Proben traten keine Anna-Karenina-Prinzip-Effekte auf.[2]
Statistische Relevanz
Statistische Tests fokussieren sich in der Regel auf Mittelwertunterschiede (etwa T-Tests). Dispersionseffekte wurden in der Forschung bisher meist nur erwähnt, aber trotz biologischer Bedeutung nicht weiter wissenschaftlich untersucht.[1] Die systematische Erfassung von Dispersionseffekten erlaubt, Patienten mit derselben Diagnose in Untergruppen zu stratifizieren.
Anwendungsbereiche
Aktuell wird das Anna-Karenina-Prinzip in der Forschung zur Auswirkung verschiedener Erkrankungen auf das Mikrobiom genutzt (z.B. HIV, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Mammakarzinom).[1][3][4]
In der KI-Forschung wird das Anna-Karenina-Prinzip genutzt, um zu erklären, weshalb Large Language Models (LLMs) bei der Auswertung von Antworten auf offene Fragen die richtige Antwort zuverlässiger erkennen können als die vielfältigen möglichen falschen Antworten.[5]
Literatur
- The Anna Karenina Bias: Which Variables to Observe? (Marketing Science)
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Zaneveld et al., Stress and stability: applying the Anna Karenina principle to animal microbiomes, Nat Microbiol, 2017
- ↑ Ma, Testing the Anna Karenina Principle in Human Microbiome-Associated Diseases, iScience, 2020
- ↑ Kim et al., Dysbiotic signatures and diagnostic potential of gut microbial markers for inflammatory bowel disease in Korean population, Sci Rep, 2024
- ↑ Li und Yang, Investigating the Anna Karenina principle of the breast microbiome, BMC Microbiol, 2025
- ↑ Han et al., Uncovering Measurement Biases in LLM Embedding Spaces: The Anna Karenina Principle and Its Implications for Automated Feedback, Int J Artif Intell Educ, 2025