Anhaltende Trauerstörung
Englisch: prolonged grief disorder
Definition
Die anhaltende Trauerstörung ist eine psychische Störung, die nach dem Tod einer nahestehenden Person auftritt. Sie ist durch eine persistierende, krankheitswertige Trauerreaktion gekennzeichnet. Die anhaltende Trauerstörung ist nosologisch eigenständig klassifiziert.
- ICD-11-Code: 6B42
Hintergrund
Die Prävalenz der anhaltenden Trauerstörung variiert in Abhängigkeit von Population, Erhebungsmethode und kulturellem Kontext. Ätiologisch bestehen Assoziationen mit plötzlichen oder gewaltsamen Todesfällen sowie mit dem Verlust von Kindern oder Partnern. Weitere korrelierende Faktoren sind vorbestehende psychische Erkrankungen, hohe emotionale Abhängigkeit und geringe soziale Unterstützung.
Symptome
Leitsymptom der anhaltenden Trauerstörung ist eine anhaltende Sehnsucht oder ein starkes Verlangen nach der verstorbenen Person. Begleitend treten kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Symptome auf, darunter Identitätsveränderungen, emotionale Taubheit, Vermeidung, Sinnverlust sowie eine persistierende gedankliche Beschäftigung mit dem Verlust. Die Symptomatik führt zu einer klinisch relevanten sozialen oder beruflichen Funktionsbeeinträchtigung und überschreitet kulturell, religiös oder sozial erwartbare Trauerreaktionen.
Diagnostik
Die Diagnosestellung erfolgt klinisch anhand der Klassifikationskriterien. In der ICD-11 ist die anhaltende Trauerstörung den stressassoziierten Störungen zugeordnet; als Mindestdauer gilt eine Persistenz von 6 Monaten nach dem Verlust. In der DSM-5-TR wird die Störung als "Prolonged Grief Disorder" klassifiziert; die Mindestdauer beträgt 12 Monate bei Erwachsenen und 6 Monate bei Kindern und Jugendlichen. Eine klinisch relevante Funktionsbeeinträchtigung ist obligat. Ergänzend können validierte Instrumente zur Erfassung trauerspezifischer Symptome eingesetzt werden, darunter z.B. das Inventory of Complicated Grief und das Prolonged Grief Disorder-13.
Differentialdiagnose
Von der anhaltenden Trauerstörung sind u.a. abzugrenzen:
- normale Trauerreaktionen: keine anhaltende Funktionsbeeinträchtigung
- Anpassungsstörungen: zeitlich begrenzt und weniger spezifisch
- Major Depression: kein primärer Verlustfokus
- Posttraumatische Belastungsstörung: traumaassoziierte Symptomatik
Therapie
Untersucht sind überwiegend psychotherapeutische, trauerfokussierte Behandlungsansätze. Für eine spezifische Psychopharmakotherapie der anhaltenden Trauerstörung liegen derzeit (2026) keine eigenständigen Indikationen vor. Komorbide psychische Störungen können eine zusätzliche Behandlung erforderlich machen.
Leitlinie
Die S3-Leitlinie zur anhaltenden Trauerstörung ist aktuell in Bearbeitung und soll im Jahr 2028 fertiggestellt sein.
Quelle
- American Psychiatric Association (via psychiatry.org): Prolonged Grief Disorder – Informationen für Patienten und Familien. Verfügbar unter: https://www.psychiatry.org/patients-families/prolonged-grief-disorder (abgerufen am 25.01.2026).