Strauss-Kriterien
nach dem US-amerikanischen Arzt und Wissenschaftler David G. Strauss
Englisch: Strauss criteria for left bundle branch block (LBBB)
Definition
Die Strauss-Kriterien sind modifizierte, strengere EKG-Kriterien zur Diagnose eines kompletten Linksschenkelblocks (LSB) mit dem Ziel, eine proximale Leitungsblockierung im His-Purkinje-System von unspezifischen intraventrikulären Leitungsverzögerungen (IVCD) zu unterscheiden.
Hintergrund
Die klassischen LSB-Kriterien (z.B. nach American Heart Association oder European Society of Cardiology) sind sensitiv, jedoch nur begrenzt spezifisch. Sie erfassen auch Patienten ohne echte Unterbrechung der schnellen Erregungsausbreitung im His-Purkinje-System.
Ein verbreiterter QRS-Komplex allein erlaubt keine sichere Unterscheidung zwischen einer proximalen Leitungsblockade und einer unspezifischen intraventrikulären Leitungsverzögerung infolge diffuser Myokardschädigung.
Da eine solche Leitungsstörung mit ausgeprägter linksventrikulärer Aktivierungsverzögerung einhergeht und ein besseres Ansprechen auf die kardiale Resynchronisationstherapie (CRT) zeigt, wurde eine spezifischere elektrokardiographische Definition etabliert.
Kriterien
Die Strauss-Kriterien für kompletten LSB umfassen:
- QRS-Dauer:
- ≥ 140 ms bei Männern
- ≥ 130 ms bei Frauen
- QRS-Morphologie in V1/V2:
- QS- oder rS-Muster in den Ableitungen V1 und V2
- QRS-Notching/Slurring:
- Einkerbungen oder Verschleifungen im mittleren QRS-Komplex in ≥ 2 der Ableitungen V1, V2, V5, V6, I und aVL
Klinische Bedeutung
Die Kriterien verbessern die Identifikation von Patienten mit relevanter elektrischer Dyssynchronie und unterstützen damit die Selektion für die kardiale Resynchronisationstherapie, da diese Patientengruppe häufiger ein Therapieansprechen zeigt. Bei unspezifischer intraventrikulärer Leitungsverzögerung ist der Nutzen deutlich geringer.[1]
Evidenzlage
In simulationsbasierten Herzmodellen zeigten die Strauss-Kriterien eine Spezifität von 100 % (vs. 48 % für konventionelle Kriterien).[2] Eine 2024 publizierte Validierungsstudie mit intrakardialen Septumableitungen ergab eine Sensitivität von 96 % bei begrenzter Spezifität von 33 %, was eine gute Erfassung relevanter Leitungsstörungen bei fortbestehender Überlappung mit IVCD widerspiegelt.
Alternative Kriterien
Neuere Ansätze wie das Lead-I-Time-to-Notch-Kriterium (Zeit bis zur Einkerbung in Ableitung I > 75 ms) zeigen eine höhere Spezifität (74 %) bei reduzierter Sensitivität (71 %) und können ergänzend zur weiteren Differenzierung eingesetzt werden.[3]
Quellen
- ↑ Almer et. al., Prevalence of manual Strauss LBBB criteria in patients diagnosed with the automated Glasgow LBBB criteria, J Electrocardiol . 2015
- ↑ Galeotti et. al., Evaluating strict and conventional left bundle branch block criteria using electrocardiographic simulations, Europace 2013
- ↑ Treger et. al., A Revised Definition of Left Bundle Branch Block Using Time to Notch in Lead I, JAMA Cardiolocy 2024