Spinozerebelläre Ataxie
Englisch: spinocerebellar ataxia
Definition
Spinozerebelläre Ataxien, kurz SCA, sind eine Gruppe von autosomal-dominanten neurodegenerativen Erkrankungen des menschlichen Zentralnervensystems. Die Symptome richten sich dabei nach dem Fokus der Degeneration. In einigen Fällen ähneln sie dem klinischen Bild von Chorea Huntington.
Epidemiologie
Krankheiten aus dem Formkreis der SCA sind sehr selten und treten in Mitteleuropa und den USA mit einer durchschnittlichen Häufigkeit von einer Neuerkrankung auf 100.000 Einwohner auf. Mehr als 40 SCA-Formen wurden bisher (2026) beschrieben, von denen die spinozerebelläre Ataxie 3 (SCA3) in Europa die häufigste Form ist.
Ätiopathogenese
Die spinozerebellären Ataxien sind eine genetisch heterogene Gruppe meist autosomal-dominant vererbter neurodegenerativer Erkrankungen. Ursächlich sind je nach Subtyp unterschiedliche Varianten in verschiedenen Genen, darunter Repeat-Expansionen, Punktmutationen sowie andere Strukturvarianten. Besonders häufig sind CAG-Repeat-Expansionen, die zu einer verlängerten Polyglutamin-Sequenz im kodierten Protein führen (z.B. bei SCA1, SCA2, SCA3, SCA6, SCA7). Daneben spielen auch nicht-kodierende Repeat-Expansionen eine Rolle, z.B. die GAA-Expansion im FGF14-Gen bei SCA27B.
Pathophysiologisch führen die genetischen Veränderungen abhängig vom Subtyp u.a. zu toxischem Gain-of-Function, RNA-Toxizität, Störungen der Proteinqualitätskontrolle, mitochondrialer Dysfunktion, gestörter Calciumhomöostase und veränderter Genexpression. Besonders vulnerabel sind Purkinje-Zellen des Cerebellums, daneben können auch Hirnstamm, Rückenmark, Basalganglien, Retina und periphere Nerven beteiligt sein.
Symptome
Klinisch manifestieren sich SCA typischerweise als langsam progredientes zerebelläres Syndrom. Zu den Symptomen gehören Gang- und Standataxie, Dysmetrie, Intentionstremor, Dysdiadochokinese und eine skandierende Dysarthrie. Häufig kommen okulomotorische Störungen wie Blickrichtungsnystagmus, sakkadierte Blickfolge oder verlangsamte Sakkaden hinzu. Im Verlauf können auch Dysphagie und eine zunehmende Einschränkung der Feinmotorik auftreten.
Je nach SCA-Subtyp finden sich zusätzliche extrazerebelläre Manifestationen, z.B. Pyramidenbahnzeichen, Spastik, Polyneuropathie, extrapyramidale Symptome wie Dystonie, Parkinsonismus oder Chorea, okuläre bzw. retinale Beteiligung sowie kognitive oder affektive Störungen. Das klinische Bild ist daher subtypabhängig und nicht auf das Cerebellum beschränkt.
Therapie
Eine kausale Standardtherapie steht derzeit (2026) nicht zur Verfügung. Die Behandlung ist in erster Linie symptomatisch und multidisziplinär. Zentrale Bedeutung haben Physiotherapie mit Koordinations-, Gleichgewichts- und Gangtraining, ggf. ergänzt durch Ergo- und Logopädie. Bei Dysphagie, Spastik, Tremor, Dystonie, Schmerzen oder depressiver Symptomatik erfolgt eine gezielte symptomorientierte Therapie.
Krankheitsmodifizierende Therapien befinden sich in klinischer oder präklinischer Entwicklung. Hierzu zählen z.B. Antisense-Oligonukleotide, RNA-Interferenz und gentherapeutische Strategien. Eine breite klinische Etablierung dieser Verfahren ist bislang (2026) jedoch noch nicht erfolgt.
Quellen
- De Mattei et al. Epidemiology of Spinocerebellar Ataxias in Europe. The Cerebellum. 23:1176-1183. 2024
- Cui et al. Spinocerebellar ataxias: from pathogenesis to recent therapeutic advances. Front Neurosci. 18. 2024