Little-Albert-Experiment
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Englisch: Little Albert experiment
Definition
Das Little-Albert-Experiment aus dem Jahr 1920 ist eines der bekanntesten und zugleich umstrittensten Experimente der Psychologiegeschichte. Der US-amerikanische Psychologe John B. Watson und seine Assistentin Rosalie Rayner untersuchten an der Johns-Hopkins-Universität, ob sich eine emotionale Reaktion wie Angst durch klassische Konditionierung erlernen lässt. Das Prinzip der klassischen Konditionierung war zuvor vor allem durch die Experimente des russischen Physiologen Iwan Pawlow bekannt geworden.
Der Ablauf des Experiments
An der Untersuchung nahm ein etwa neun Monate alter Säugling teil, der in der Veröffentlichung unter dem Pseudonym „Albert B.“ bezeichnet wurde.[1] Das Experiment verlief in mehreren Phasen.
Die Bestandsaufnahme
Zunächst wurde Albert mit verschiedenen Tieren und Gegenständen konfrontiert, darunter einer weißen Ratte, einem Kaninchen, einem Hund, einer Maske und Baumwolle. Nach Watson und Rayner zeigte Albert zunächst keine deutliche Angst gegenüber diesen Reizen. Er näherte sich ihnen teilweise neugierig und versuchte, sie zu berühren.
Die Konditionierung
Als Albert etwa elf Monate alt war, begann die eigentliche Konditionierungsphase.[1] Wenn Albert nach der weißen Ratte greifen wollte, erzeugte Watson hinter ihm ein lautes Geräusch, indem er mit einem Hammer auf eine Stahlstange schlug. Das Geräusch erschreckte Albert und führte zu Angstreaktionen und Weinen.
Die weiße Ratte und das laute Geräusch wurden anschließend mehrfach miteinander gekoppelt. Watson und Rayner interpretierten die darauf folgenden Reaktionen als Hinweis darauf, dass Albert eine Angstreaktion gegenüber der zuvor neutralen weißen Ratte erlernt hatte.
Die Reaktion auf die Ratte
Nach mehreren Kopplungen berichteten Watson und Rayner, dass Albert die weiße Ratte nun vermied und negative emotionale Reaktionen zeigte, obwohl das laute Geräusch nicht mehr gleichzeitig auftrat. Die Autoren werteten dies als konditionierte emotionale Reaktion.
Reizgeneralisierung
Watson und Rayner untersuchten anschließend, ob sich Alberts Reaktion auch auf ähnliche Reize übertrug. Sie berichteten Reaktionen auf mehrere weiße oder pelzige Gegenstände und Tiere, darunter einem Kaninchen, einem Hund, einem Pelzmantel und einer Maske. Dies wurde als Reizgeneralisierung interpretiert.
Wissenschaftliche und ethische Kritik
Das Experiment wird heute aus ethischer und methodischer Sicht kritisch betrachtet.
Ein wesentlicher methodischer Kritikpunkt besteht darin, dass die Untersuchung lediglich einen einzigen Säugling umfasste und keine Kontrollgruppe vorhanden war.[1] Dadurch lassen sich die Ergebnisse nur sehr eingeschränkt verallgemeinern. Außerdem war die Dokumentation nach heutigen wissenschaftlichen Standards nicht ausreichend, um die Stärke und Dauer der beobachteten Angstreaktionen eindeutig zu bestimmen.
Auch die Interpretation der Ergebnisse ist inzwischen umstritten. Neuere Untersuchungen des erhaltenen Filmmaterials kommen teilweise zu dem Schluss, dass die ursprüngliche Darstellung einer stark ausgeprägten und eindeutig konditionierten Angstreaktion möglicherweise überzeichnet ist. Die von Watson und Rayner berichtete Reizgeneralisierung sollte daher als Ergebnis ihrer Interpretation und nicht als zweifelsfrei bewiesene Tatsache dargestellt werden.
Aus heutiger Sicht ist das Experiment außerdem ethisch problematisch, da bei einem Säugling gezielt eine negative emotionale Reaktion hervorgerufen wurde. Eine geplante Gegenkonditionierung, mit der die gelernte Reaktion hätte abgeschwächt werden können, konnte nicht mehr durchgeführt werden, weil Albert die Klinik verließ.
Wer war „Little Albert“?
Auch die Identität von Little Albert ist bis heute nicht vollständig geklärt. Spätere Forscher versuchten, anhand historischer Dokumente den tatsächlichen Namen des Kindes zu bestimmen. Eine Forschungsgruppe identifizierte ihn als Douglas Merritte und argumentierte, dass er möglicherweise bereits gesundheitliche beziehungsweise neurologische Probleme hatte. Diese Identifikation ist jedoch umstritten; andere Forscher kamen zu einer anderen Bewertung der historischen Quellen und schlugen Albert Barger als möglichen Kandidaten vor.
Das Little-Albert-Experiment bleibt deshalb sowohl für die Geschichte der klassischen Konditionierung als auch für die Entwicklung ethischer Standards in der psychologischen Forschung von Bedeutung. Es wird häufig als frühes Beispiel dafür angeführt, dass emotionale Reaktionen durch Lernprozesse beeinflusst werden können – zugleich zeigt die heutige wissenschaftliche Diskussion, wie vorsichtig historische Forschungsergebnisse interpretiert werden müssen.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Watson und Rayner, Conditioned emotional reactions, Journal of Experimental Psychology, 1920
Literatur
- Mertens G, Krypotos AM, Engelhard IM. A review on mental imagery in fear conditioning research 100 years since the 'Little Albert' study. Behav Res Ther. 2020 Mar;126:103556. doi: 10.1016/j.brat.2020.103556. Epub 2020 Jan 22. PMID: 32014694.
- Watson JB, Rayner R. Conditioned emotional reactions. Journal of Experimental Psychology. 1920;3(1):1–14.