Inkarzeration
Synonyme: Einklemmung, Bruchinkarzeration
Englisch: incarceration
Definition
Als Inkarzeration bezeichnet man die irreponible Einklemmung von Gewebe oder Organanteilen in einer anatomischen Engstelle, meist im Rahmen einer Hernie. Sie ist eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation, insbesondere bei zusätzlicher Gefäßkompression mit nachfolgender Ischämie.
Epidemiologie
Eine Inkarzeration tritt am häufigsten bei äußeren Hernien auf, insbesondere bei Leistenhernien, Schenkelhernien und Nabelhernien. Darüber hinaus kommen sie auch bei Narbenhernien nach abdominalen Operationen vor.
Das Risiko einer Inkarzeration ist bei Schenkelhernien aufgrund der engen Bruchpforte besonders hoch. Insgesamt betrifft die Inkarzeration jedoch nur einen kleineren Anteil aller Hernienpatienten. Sie ist jedoch eine relativ frequente Ursache für ein akutes Abdomen.
Häufiger betroffen sind Patienten mit erhöhtem intraabdominellem Druck (z.B. bei chronischem Husten, Schwangerschaft oder Adipositas).
Ätiopathogenese
Ursächlich ist meist eine vorbestehende Hernie mit relativer Enge der Bruchpforte. Durch Druckerhöhung im Abdomen (z.B. Husten, Pressen) verlagern sich intraabdominelle Strukturen (z.B. Darmanteile, Omentum majus) in den Bruchsack. Bei der Inkarzeration ist eine spontane Reposition nicht mehr möglich. In der Folge kann es zur Kompression venöser Gefäße kommen, was zunächst zu einer Stauung und Ödembildung führt. Im weiteren Verlauf kann auch die arterielle Versorgung beeinträchtigt werden, die dann in eine Strangulation mit Nekrose des betroffenen Gewebes mündet.
Einteilung
Eine einheitliche Klassifikation besteht derzeit (2026) nicht. Klinisch erfolgt die Einteilung pragmatisch nach Reponibilität und Komplikationsgrad:
- Reponibilität
- reponible Hernie: Der Bruchsackinhalt lässt sich spontan oder durch manuelle Maßnahmen in die Bauchhöhle zurückführen
- irreponible Hernie: Der Bruchsackinhalt ist nicht mehr reponibel, eine spontane Rückverlagerung ist nicht möglich.
- Komplikationen
- Inkarzeration ohne Durchblutungsstörung
- Strangulation: Kompression der Gefäße mit konsekutiver Ischämie und drohender Nekrose des betroffenen Gewebes
Sonderformen
Sonderformen der Inkarzeration sind:
- Netzeinklemmung: ein Teil des Omentum majus ist in der Bruchpforte eingeklemmt
- retrograde Einklemmung (Maydl-Hernie): primär betroffen ist nicht der im Bruchsack befindliche Darmanteil, sondern intraabdominell liegende Darmschlingen
- Darmwandinkarzeration (Richter-Hernie): ein Anteil der Darmwand wird eingeklemmt, während die Darmpassage erhalten bleibt
Symptome
Leitsymptom ist ein plötzlich einsetzender, starker Schmerz im Bereich der Hernie. Typisch ist eine prallelastische, druckdolente, nicht reponible Vorwölbung. Begleitend können Übelkeit, Erbrechen und Zeichen eines Ileus auftreten, insbesondere bei Beteiligung von Darmanteilen. Bei fortgeschrittener Strangulation entwickeln sich systemische Zeichen wie Fieber, Leukozytose und ggf. ein Schock.
Diagnostik
Die Diagnose ist primär klinisch. Entscheidende Befunde sind die schmerzhafte, nicht reponible Hernie sowie Zeichen einer intestinalen Obstruktion. Bildgebende Verfahren wie die Sonographie oder Computertomographie können zur Bestätigung und zur Beurteilung von Komplikationen (z.B. Darmischämie, Ileus) eingesetzt werden. Die Computertomographie ist insbesondere bei unklarer Klinik oder Adipositas hilfreich. Laborchemisch können Entzündungszeichen erhöht sein.
Therapie
Die Inkarzeration ist ein chirurgischer Notfall und muss in der Regel umgehend operiert werden. Ziel ist die Reposition des eingeklemmten Gewebes und die Beurteilung seiner Vitalität. Nekrotische Anteile müssen reseziert werden. Eine vorsichtige manuelle Reposition (Taxis) kann in ausgewählten Frühfällen erwogen werden, ist jedoch aufgrund des Risikos der Repositionsperitonitis umstritten und sollte nur unter kontrollierten Bedingungen erfolgen.
Schenkelhernien werden wegen des hohen Inkarzerationsrisikos frühzeitig operiert, auch ohne Vorliegen von Symptomen.
Komplikationen
Unbehandelt führt die Inkarzeration zur Strangulation mit Darmnekrose, Perforation und Peritonitis. Dies kann in eine Sepsis und einen lebensbedrohlichen Verlauf münden.