Aurikulotemporalisneuralgie
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LoslegenEnglisch: auriculotemporal neuralgia
Definition
Die Aurikulotemporalisneuralgie ist ein seltenes Schmerzsyndrom mit einseitigen Schmerzen in der vom Nervus auriculotemporalis versorgten Ohr-Schläfenregion. Der Verlauf kann rein paroxysmal oder durch einen kontinuierlichen Hintergrundschmerz mit Exazerbationen gekennzeichnet sein.[1]
Epidemiologie
Populationsbezogene Inzidenzdaten liegen bislang (2026) nicht vor.[1][2] In spezialisierten Kopfschmerzambulanzen wurde eine Häufigkeit von etwa 0,2 bis 0,4 % berichtet – nicht gleichzusetzen mit einer Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung.[1][2] Eine 15-jährige Registeranalyse einer solchen Ambulanz (8.728 Patienten) fand 28 Fälle (0,32 % der Kohorte; 25,9 % der 108 terminalen Trigeminusast-Neuralgien). Die Aurikulotemporalisneuralgie war hier die zweithäufigste Entität dieser Gruppe nach der Supraorbitalisneuralgie.[3] Frauen sind stärker betroffen, das mittlere Erstmanifestationsalter liegt bei etwa 52 Jahren[1][3], die Streuung ist jedoch erheblich.[1][2]
Ätiologie
Bei den bislang (2026) beschriebenen Fällen lässt sich häufig keine Ursache nachweisen. Diskutiert wird ein Engpasssyndrom im Bereich der Fossa infratemporalis, insbesondere aufgrund der engen Beziehung des Nervus auriculotemporalis zum Musculus pterygoideus lateralis. Anatomische Varianten mit Durchtritt von Nervenästen durch den Muskel sind beschrieben.[2][4] Der Nerv steht zudem variabel in enger Beziehung zur Arteria meningea media. Pathologische Gefäß-Nerven-Kontakte werden als mögliche, seltene Ursache diskutiert, sind aber von der normalen anatomischen Nachbarschaft abzugrenzen.[4]
Sekundäre Formen der Neuralgie sind beschrieben bei:[1][5]
- Synovialzysten
- Gefäß-Nerven-Kontakte bei Malformationen oder aneurysmatischen Erweiterungen der Arteria meningea media
- Frakturen des Ramus mandibulae
- Erkrankungen der Glandula parotidea, insbesondere Tumoren mit perineuraler Infiltration (z.B. adenoid-zystisches Karzinom) – ein perineurales Tumorwachstum entlang des Nervus auriculotemporalis ist explizit beschrieben und sollte bei untypischem Verlauf differentialdiagnostisch bedacht werden.[5]
Klinik
Die Aurikulotemporalisneuralgie äußert sich durch streng einseitige, präaurikuläre und temporale Schmerzen. Sie treten meist paroxysmal auf, sind von mittlerer bis hoher Intensität und dauern zwischen wenigen Sekunden bis etwa 30 Minuten an.[1][5] Die Schmerzqualität kann stechend, einschießend, brennend oder pochend sein.[1][3] Häufig werden die Schmerzen von Parästhesien begleitet. Die formalen Diagnosekriterien nennen darüber hinaus Dysästhesien und Allodynie als mögliche Begleitphänomene.[1] Die Schmerzen sind in der Regel triggerbar, z.B. durch Druck auf den Tragus oder Berührung anderer Stellen des Innervationsgebietes.[1][5]
In der Fallserie von Ruiz et al. fand sich bei der Hälfte der Patienten zusätzlich ein dumpfer Hintergrundschmerz.[1]
Diagnostik
Die Diagnose ist klinisch und beruht auf Anamnese sowie neurologischer Untersuchung. Hierbei sollte auf eine Triggerbarkeit durch Tragusdruck und einen Druckschmerz im Verlauf des Nerven geachtet werden.
Zudem kann eine Leitungsblockade des Nerven als Diagnostikum eingesetzt werden, was üblicherweise, aber nicht zwingend zur deutlichen Beschwerdelinderung oder zur Schmerzfreiheit führt.[1][6] Blockadeeffekte beweisen die Diagnose jedoch nicht, da auch Kiefergelenkerkrankungen – aufgrund der gemeinsamen Innervation durch den Nervus auriculotemporalis – vorübergehend auf eine Blockade ansprechen können.[5]
Insbesondere bei weiteren klinischen Hinweisen auf eine sekundäre Ursache sollte eine Bildgebung der Glandula parotidea und der Fossa infratemporalis erfolgen, z.B. mittels Sonographie, CT oder MRT.[5]
Diagnosekriterien
Die Aurikulotemporalisneuralgie ist in der ICHD-3-Klassifikation nicht als eigenständige Diagnose aufgeführt.[7] Einheitlich validierte Diagnosekriterien fehlen. Die im Folgenden dargestellten, von Ruiz et al. vorgeschlagenen Kriterien beruhen auf einer kleinen Fallserie und Expertenmeinung, sind also nicht international anerkannt.[1]
- einseitiger Gesichtsschmerz, der die folgenden Kriterien erfüllt:
- Lokalisation im Innervationsgebiet des Nervus auriculotemporalis
- mindestens eines der folgenden Schmerzcharakteristika:
- paroxysmales, attackenartiges Auftreten mit Schmerzdauer zwischen wenigen Sekunden bis Minuten
- moderate bis hohe Intensität
- einschießender, stechender oder scharfer Schmerzcharakter
- mindestens eines der folgenden klinischen Merkmale:
- Dysästhesien und/oder Allodynie bei leichten Stimuli des Innervationsgebietes
- Druckschmerz über den Nervenästen
- Triggerpunkt am Ursprungspunkt des Nervens
- temporäre Linderung der Schmerzen durch lokalanästhetische Nervenblockade
- Symptomatik ist nicht besser durch eine andere ICHD-3-Diagnose zu erklären
Sollten alle klinischen Kriterien bis auf die Linderung durch Nervenblockade erfüllt sein, schlagen die Autoren eine Einordnung als "wahrscheinliche Aurikulotemporalisneuralgie" vor.[1]
Differentialdiagnosen
Folgende Differentialdiagnosen sind abzugrenzen:
- Trigeminusneuralgie
- Erkrankungen des Kiefergelenks oder der Zähne
- Migräne
- Hemicrania continua
- Arteriitis temporalis
- Münzkopfschmerz
- Persistierender idiopathischer Gesichtsschmerz
Abzugrenzen ist außerdem das Frey-Syndrom als eigenständige, autonome Störung. Hier kommt es durch gustatorische Reize zu Rötung, Wärmegefühl und Hyperhidrose im Innervationsgebiet des Nervus auriculotemporalis.[1]
Therapie
Zur Therapie existiert kaum strukturierte Evidenz, sie beruht überwiegend auf kleinen, überwiegend nicht-vergleichenden Fallserien und -beschreibungen; eine evidenzbasierte Erstlinientherapie ist nicht etabliert.[1][5][6] Eingesetzt werden:
- Therapeutische Nervenblockade mittels Lokalanästhetika, teils auch mit Zugabe von Kortikosteroiden. Die Wirkdauer ist individuell unterschiedlich.
- Carbamazepin und Gabapentin – in der Fallserie von Ruiz et al. wurde bei drei von acht Patienten vollständige Beschwerdefreiheit unter Gabapentin beschrieben, bei drei weiteren nach Nervenblockade und bei zwei Patienten eine spontane vollständige Beschwerdefreiheit
- Botulinumtoxin als experimentelle bzw. off-label Option in therapierefraktären Fällen. Eine kleine, retrospektive und nicht-kontrollierte Fallserie beschrieb eine Schmerzreduktion mit einer mittleren Wirkdauer von etwa 95 Tagen[6]
- Pulsierende Radiofrequenz als experimentelle Option bei therapierefraktären Fällen, bislang nur anhand eines einzelnen publizierten Fallberichts mit sehr niedriger Evidenz[8]
Prognose
Belastbare Verlaufsdaten fehlen aufgrund der geringen und selektierten Fallzahlen. In einzelnen Fallserien wurde unter Nervenblockade oder medikamentöser Therapie eine deutliche bzw. vollständige Beschwerdelinderung beschrieben. Ein Teil der Fälle verläuft jedoch chronisch oder therapierefraktär.[1][6]
Quellen
- ↑ 1,00 1,01 1,02 1,03 1,04 1,05 1,06 1,07 1,08 1,09 1,10 1,11 1,12 1,13 1,14 1,15 1,16 Ruiz et al., Auriculotemporal Neuralgia: Eight New Cases Report, Pain Med, 2016
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 Speciali und Gonçalves, Auriculotemporal neuralgia, Curr Pain Headache Rep, 2005
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Ros González et al., Trigeminal Terminal Branch Neuralgias in a Headache Unit: A 15-Year Series, J Pain Res, 2026
- ↑ 4,0 4,1 Kadrie et al., The Auriculotemporal Nerve: A Comprehensive Review of Its Anatomical Variation and Clinical Manifestations, Laryngoscope Investig Otolaryngol, 2025
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 O'Neill et al., Other facial neuralgias, Cephalalgia, 2017
- ↑ 6,0 6,1 6,2 6,3 Tereshko et al., Botulinum Toxin Type A for the Treatment of Auriculotemporal Neuralgia-A Case Series, Toxins (Basel), 2023
- ↑ 13. Schmerzhafte Läsionen der Hirnnerven und andere Gesichtsschmerzen, abgerufen am 21.08.2026
- ↑ Tereshko et al., Pulsed Radiofrequency for Auriculotemporal Neuralgia: A Case Report, Neurol Int, 2024