Probabilistic Sex Diagnosis
von englisch: Probabilistic - wahrscheinlich, Sex - Geschlecht, Diagnosis - Diagnose
Definition
Die Probabilistic Sex Diagnosis, kurz DSP, ist eine Untersuchungsmethode der forensischen Anthropologie und dient in der forensischen Medizin zur biologischen Geschlechtsbestimmung anhand von osteometrischen Messungen eines skelettierten oder fragmentierten Hüftbeines. Ergebnis des DSP ist die Wahrscheinlichkeit, ob das untersuchte Hüftbein von einem männlichen oder weiblichen Körper stammt.
Hintergrund
Das Hüftbein (Os coxae) ist ein dimorpher Teil des Skeletts, was mit systematischen Unterschieden der Knochenmaße männlicher und weiblicher Hüftbeine einhergeht. Evolutionär ist das weibliche Becken an die Anforderungen des Geburtsvorgangs angepasst, was mit geschlechtsspezifischen Unterschieden der Beckenmaße einhergeht.
Die DSP wurde im Jahr 2005 entwickelt und basiert auf einer Datenbank, die Daten von 2040 Hüftbeinen umfasst und gilt als präziser als die bis dahin verwendeten deskriptiven Verfahren. Im Jahr 2017 wurde eine überarbeitete Version (DSP2) veröffentlicht.
Methodik
Die DSP analysiert die Messwerte auf Grundlage einer linearen Diskriminanzanalyse (Diskrimination) und dem Bayes-Theorem und gibt die Wahrscheinlichkeit der Geschlechtszugehörigkeit als Prozentwert an. In der forensischen Medizin stehen häufig weitere Daten oder Informationen (z. B. Schuhgröße oder Kleidungsstücke) zur Verfügung.
Im Idealfall werden zehn Messungen am Hüftbein vorgenommen. Das Ergebnis gilt bereits als aussagekräftig, wenn mindestens vier Messwerte der ersten acht Variablen erhoben werden, die letzten zwei können ergänzend verwendet werden:
- PUM: Minimaler Abstand von der superomedialen Schambeinsymphyse zum nähestgelegenen Punkt am Acetabulumrand
- SPU: Abstand von lateraler Seite des Acetabulums zur medialen Seite des Schambeins
- DCOX: Maximaler Abstand vom unterem Rand des Os Coxae zum oberen Rand der Crista Iliaca
- IIMT: Abstand der Spina iliaca anterior superior zur tiefsten Stelle der Incisura ischiadica major
- ISMM: Abstand vom anteroinferioren Teil der Tuber ischiadicum zum lateralen Rand des Acetabulums
- SCOX: Abstand von Spina iliaca anterior superior zur Spina iliaca posterior superior
- SA: Minimaler Abstand von Spina iliaca anterior inferior zur Incisura ischiadica major
- SS: Abstand von Spina iliaca anterior inferior zur Schnittstelle zwischen Linea arcuata ossis ilii und facies auricularis ossis ilii
- SIS: Länge vom lateralen Rand des Acetabulums bis zum Mittelpunkt der anterioren Seite der Incisura ischiadica major
- VEAC: Maximaler vertikaler Durchmesser des Acetabulums (Messung am Rand des Acetabulums)
Eine Validierungsstudie konnte zeigen, dass computertomografische Aufnahmen des Hüftbeins in 3D-Modelle übertragen und zur Berechnung der DSP verwendet werden können.
Studienlage
Die DSP2 erzielt unter optimalen Bedingungen eine Genauigkeit von mehr als 95%, gilt als zuverlässig und wurde mehrfach in verschiedenen Ländern validiert.
Populationsspezifizität
Die DSP gilt als eine der genausten Methoden zur Geschlechtsbestimmung. Trotzdem ist DSP kein alleiniger Goldstandard. Eine brasilianische Validierungsstudie an 103 Hüftbeinen fand eine Fehlerquote von 9,43% bei männlichen und von 14% bei weiblichen Hüftbeinen, obwohl der DSP populationsübergreifend entwickelt wurde.
Pädiatrie
Da der geschlechtliche Dimorphismus des Hüftbeins erst nach der Pubertät voll ausgeprägt ist und die DSP auf Messungen der Hüftbeinen erwachsener Menschen basiert, ist die Anwendung bei Kindern nicht statistisch validiert.
Onlinetool
- DSP (osteomics.com)
Quellen
- Machado et al., Application and validation of Diagnose Sexuelle Probabiliste V2 tool in a miscegenated population, 2018
- Braun et al., What we see is what we touch? Sex estimation on the pelvis in virtual anthropology, 2023
- Chapman et al., Sex determination using the Probabilistic Sex Diagnosis (DSP: Diagnose Sexuelle Probabiliste) tool in a virtual environment, 2014
- Murail et al., A tool for probabilistic sex diagnosis using worldwide variability in hip-bone measurements, 2005
- Klales, Sex estimation of the human skeleton, 2020