Norucholsäure
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früher: nor-Ursodeoxycholsäure bzw. norUDCA
Englisch: norucholic acid
Definition
Die Norucholsäure, kurz NCA, ist ein synthetisches Derivat der Ursodeoxycholsäure (UDCA). Durch die Verkürzung der Seitenkette unterscheidet sie sich pharmakologisch deutlich von UDCA.
Norucholsäure ist eine hydrophile Gallensäure und befindet sich als Arzneistoff derzeit in der klinischen Entwicklung, insbesondere zur Behandlung cholestatischer Lebererkrankungen.
Wirkmechanismus
Im Gegensatz zu UDCA wird Norucholsäure aufgrund ihrer verkürzten Seitenkette nur unzureichend mit Glycin oder Taurin konjugiert. Dadurch kann sie einen sogenannten cholehepatischen Shunt durchlaufen: Die Substanz wird von den Cholangiocyten wieder aufgenommen und gelangt über die Pfortader zurück zur Leber.
Dieser Kreislauf führt insbesondere zu einer vermehrten Sekretion von Bikarbonat und Wasser in die Galle. Es entsteht eine bikarbonatreiche Hypercholerese, die zur Stabilisierung des sogenannten „Bikarbonat-Schirms“ der Gallenwege beiträgt. Dadurch werden die Cholangiocyten vor hydrophoben und toxischen Gallensäuren geschützt.
Darüber hinaus wurden in präklinischen Untersuchungen antiinflammatorische, antifibrotische und hepatoprotektive Effekte beschrieben.
Indikationen
Norucholsäure ist derzeit (2026) kein regulär zugelassenes Arzneimittel. Die klinische Anwendung erfolgt daher bisher ausschließlich im Rahmen von Studien.
Der wichtigste klinische Entwicklungsbereich ist die primär sklerosierende Cholangitis (PSC). In einer Phase-II-Studie mit 161 Patienten führte Norucholsäure über 12 Wochen zu einer dosisabhängigen Senkung der alkalischen Phosphatase (AP).
Weitere mögliche Einsatzgebiete, darunter andere cholestatische Erkrankungen und metabolische Lebererkrankungen, werden untersucht. Die Datenlage ist hier jedoch noch nicht ausreichend für eine etablierte Therapieempfehlung.
Dosierung
Eine allgemein gültige therapeutische Dosierung besteht derzeit nicht, da Norucholsäure noch nicht regulär zugelassen ist.
In klinischen Studien zur PSC wurden unter anderem 500 mg, 1.000 mg und 1.500 mg einmal täglich untersucht. In der Phase-II-Studie zeigte sich die stärkste Senkung der AP unter 1.500 mg/Tag. Diese Dosierungen sind nicht als allgemeine Therapieempfehlung zu verstehen.
Nebenwirkungen
Die bisherigen klinischen Untersuchungen zeigen insgesamt ein günstiges Verträglichkeitsprofil. In der Phase-II-Studie bei PSC traten unerwünschte Ereignisse unter Norucholsäure insgesamt ähnlich häufig wie unter Placebo auf.
Beschrieben wurden unter anderem:
Ein dosisabhängiger Anstieg der Nebenwirkungen wurde nicht festgestellt. Auch der Pruritus unterschied sich nicht wesentlich von der Placebogruppe.
Die Datenbasis zu seltenen oder langfristigen Nebenwirkungen ist aufgrund des noch begrenzten klinischen Entwicklungsstands allerdings eingeschränkt.
Kontraindikationen
Da Norucholsäure derzeit nicht als reguläres Arzneimittel zugelassen ist, existieren keine allgemein gültigen Kontraindikationen im Sinne einer zugelassenen Fachinformation.
Konkrete Ausschlusskriterien werden jeweils im Rahmen der klinischen Studien festgelegt.
Wechselwirkungen
Belastbare Daten zu klinisch relevanten Arzneimittelinteraktionen liegen bislang nur in begrenztem Umfang vor. Insbesondere die Kombination mit anderen Arzneimitteln zur Behandlung cholestatischer Lebererkrankungen wird weiterhin untersucht.
Studienlage
In einer randomisierten Phase-II-Studie bei Patienten mit PSC senkte Norucholsäure die ALP dosisabhängig. Unter 500, 1.000 und 1.500 mg/Tag betrug die relative Veränderung der ALP gegenüber dem Ausgangswert −12,3 %, −17,3 % bzw. −26,0 %.
Anschließend wurde die Substanz in einer internationalen Phase-III-Studie zur PSC weiter untersucht. Diese Studie (NUC-5/PSC) endete im März 2026. Eine weitere offene Phase-III-Studie zur Untersuchung von Sicherheit und Verträglichkeit von Norucholsäure bei PSC ist im europäischen Studienregister geführt.
Abgrenzung zur Ursodeoxycholsäure
Norucholsäure ist strukturell eng mit UDCA verwandt, unterscheidet sich jedoch durch die verkürzte Seitenkette wesentlich in ihrem Stoffwechsel.
Während UDCA überwiegend mit Glycin oder Taurin konjugiert und anschließend über den enterohepatischen Kreislauf rezirkuliert wird, ist Norucholsäure relativ resistent gegenüber dieser Konjugation. Dadurch kommt es zum cholehepatischen Shunt und zu einer ausgeprägten bikarbonatreichen Cholerese.
Quellen
Studienregister: Eine unverblindete Studie zur Behandlung von Patienten mit primär sklerosierender Cholangitis (PSC) mit Norucholsäure-Tabletten
Fickert et al., norUrsodeoxycholic acid improves cholestasis in primary sclerosing cholangitis, J Hepatol., 2017
Hofmann et al., Novel biotransformation and physiological properties of norursodeoxycholic acid in humans, Hepatology, 2005