Cicely Saunders
Definition
Cicely Mary Strode Saunders war eine britische Ärztin, Krankenschwester und Sozialarbeiterin. Sie gilt als Begründerin der modernen Hospizbewegung und der Palliative Care. Ihr Werk begründete ein neues, interdisziplinäres Verständnis der Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen und gilt als Meilenstein in der Entwicklung der Palliativmedizin.[1][2]
Hintergrund
Cicely Saunders wurde 1918 in England geboren und war zunächst als Krankenschwester tätig. Anschließend arbeitete sie als medizinische Sozialarbeiterin („almoner“) und entschloss sich schließlich zum Medizinstudium. Diese multiprofessionelle Ausbildung ermöglichte ihr einen ganzheitlichen Blick auf Krankheit, Leiden und Sterben. In einer Zeit, in der die Medizin den Tod häufig als therapeutisches Scheitern verstand, erkannte Saunders die strukturelle Unterversorgung unheilbar Kranker und entwickelte daraus ein neues Versorgungskonzept, das medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Dimensionen integrierte. Neben ihrem praktischen Wirken engagierte sich Cicely Saunders intensiv in Forschung und Lehre und trug zur wissenschaftlichen Fundierung von Schmerztherapie und palliativer Versorgung bei. Sie erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden. Saunders engagierte sich auch im Ruhestand in der Hospizbewegung und verstarb 2005 in dem von ihr eröffneten Hospiz.
Total-Pain-Modell
Ein zentrales theoretisches Vermächtnis ist das Total-Pain-Modell, das Schmerz als ein komplexes Leiden aus körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Anteilen versteht. Dieses Verständnis stellte einen Paradigmenwechsel dar, da es die rein somatische Symptombehandlung überschritt und die subjektive Erfahrung der Patienten in den Mittelpunkt rückte. Der Begriff bildet bis heute eine konzeptionelle Grundlage der Hospizversorgung und Palliativmedizin.[2][1]
Hospizbewegung
1967 gründete Cicely Saunders in Sydenham (Süd-London) das St. Christopher’s Hospice, das als weltweit erstes gezielt als Hospiz errichtetes modernes Modell gilt, in dem klinische Versorgung, Pflege, Lehre und Forschung systematisch miteinander verbunden wurden. Das Hospiz wurde rasch zu einem internationalen Referenzzentrum und beeinflusste die Gründung zahlreicher weiterer Hospize weltweit. Innovativ war insbesondere die konsequente Ausrichtung auf Symptomkontrolle, kontinuierliche Betreuung sowie die Einbeziehung von Angehörigen in den Versorgungsprozess.
Medizinethik
Saunders stellte die Würde des sterbenden Menschen in den Mittelpunkt ihres Handelns und prägte damit die medizinethische Diskussion über Autonomie, Fürsorge und Lebensqualität am Lebensende. Ihr Ansatz machte deutlich, dass medizinisches Handeln auch dann sinnvoll und notwendig ist, wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist. Die von ihr entwickelte Hospizidee hatte erheblichen Einfluss auf gesellschaftliche Debatten über den Umgang mit Sterben, Tod und schwerem Leiden und bildet bis heute einen wichtigen Referenzrahmen in ethischen Diskussionen am Lebensende.[1]
Palliativmedizin
Aus der Hospizbewegung heraus entwickelte sich die Palliativmedizin als eigenständiges medizinisches Fachgebiet. Cicely Saunders förderte konsequent die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten, Pflegekräften, Sozialarbeitern, Seelsorgern und Ehrenamtlichen. Ihr Modell trug wesentlich dazu bei, palliative Versorgung sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich strukturell zu verankern und in nationale Gesundheitssysteme zu integrieren.[2]