Akanthamöben
Definition
Akanthamöben sind eine Gattung fakultativ-pathogener, primär freilebender Amöben die der Familie der Acanthamoebidae zugeordnet werden. Sie kommen ubiquitär vor und spielen eine Rolle in verschiedenen biologischen Systemen. Von medizinischer Relevanz sind sie insbesondere aufgrund ihrer Rolle als Erreger verschiedener Infektionen.
In zystischer Form sind sie nahezu unverwüstlich und können sogar bei Trockenheit mehrere Jahre überleben. Unter geeigneten Umweltbedingungen geht die Zyste in die aktive Form - den Trophozoiten - über und kann mittels verschiedener Enzyme die Gewebe penetrieren und zerstören.
Systematik
Traditionell erfolgte die Unterteilung zunächst in verschiedene Spezies und in weiterer Folge in morphologische Gruppen. Da diese Einteilung verschiedene Schwächen aufweist hat sich eine Einteilung in verschiedene Genotypen durch rRNA-Gensequenzierung durchgesetzt. Aktuell (2026) konnten 23 verschiedene Genotypen (T1-T23) differenziert werden. In der Medizin spielen Stämme des Genotyps T4 die größte Rolle, da dieser den größten Anteil an Infektionen am Menschen aufweist.
Beispiele für Acanthamoeba Spezies
- A. castellanii
- A. palestinensis
- A. triangularis
Klinik
Klinisch bedeutsam sind in erster Linie
- Akanthamöbenkeratitis (AK)
- Granulomatöse Amöbenenzephalitis (GAE)
Weitere Manifestationen stellen unter anderem kutane, pulmonale und disseminierte Infektionen dar.
Infektionswege
Die Infektion erfolgt okulär in Industriestaaten meist durch unzureichende Hygienemaßnahmen im Umgang mit Kontaktlinsen. Insbesondere die prolongierte Verwendung von Tages- oder Monatslinsen sowie der Einsatz unzureichender Reinigungslösungen begünstigen die Übertragung. Es sollte auf die Verwendung von Reinigungslösungen, die Wasserstoffperoxid enthalten geachtet werden.
Weitere Infektionswege stellen die Aufnahme von Akanthamöben über die Lunge sowie über Hautverletzungen dar. Dies ist insbesondere bei immunsupprimierten Personen von Relevanz.
Nachweismethoden
Akanthamöbenkeratitis
- direktmikroskopische histologische Darstellung der Zysten (z.B. nach PAS-Färbung)
- Anlegen einer Kultur auf nähstoffreichem, mit abgetöteten Escherichia coli bestückten Agar
- Immunhistochemisch
- PCR (Polymerase-Kettenreaktion)
Eine in der Augenheilkunde angewandte Methode stellt die konfokale In-vivo-Mikroskopie der Hornhaut dar. Hier können die Akanthamöbenzysten mit etwas Glück und Geschick am lebenden Auge direkt mikroskopisch dargestellt werden.
Mit den genannten Methoden kann nicht immer ein sicherer Nachweis der Akanthamöben erfolgen, jedoch ist eine Therapie bei dringlichem Verdacht auch dann einzuleiten, wenn der Nachweis negativ ausfällt.
Granulomatöse Amöbenenzephalitis
Eine sichere Diagnosestellung ist nur durch direkten Erregernachweis mittels Biopsie möglich. MRT, CT, Lumbalpunktion sowie die Bestimmung von Antikörperspiegeln haben sich in der Praxis als nicht zuverlässig erwiesen. Die Diagnosestellung erfolgt oftmals erst im Rahmen einer Autopsie.
Therapie
Bei Immunsupprimierten sollte die Optimierung des Immunstatus angestrebt werden.
Die Akanthamöbenkeratitis wird über mehrere Monate mit einer lokalen Kombinationstherapie mit verschiedenen Chemotherapeutika behandelt (siehe Akanthamöbenkeratitis).
Die Granulomatöse Amöbenenzephalitis wird mittels Kombination mehrerer antimikrobieller Chemotherapeutika behandelt. Diese involviert Antibiotika, Antimykotika und Antiprotozoika.
Komplikationen
Gängige Komplikationen der Akanthamöbenkeratitis sind eine dauerhafte Einschränkung der Sehkraft bis zum Visusverlust.
Vom primären Infektionsort ausgehend ist eine hämatogene Streuung mit Übergang in eine disseminierte Infektion möglich.
Quellen
- Kanski J: Klinische Ophthalmologie - Lehrbuch und Atlas. 7. Auflage. Elsevier 2012.
- Hof H, Dörries R: Medizinische Mikrobiologie. 2. Auflage. Georg Thieme Verlag 2002.
- Siddiqui, R., Khan, N. A. Biology and pathogenesis of Acanthamoeba. Parasit Vectors, 5, 6. 2012.