Abstinenzregel (Psychotherapie)
Definition
Die Abstinenzregel ist ein Grundprinzip der Psychotherapie. Sie bedeutet, dass der Therapeut sich bewusst zurückhält und keine persönlichen Bedürfnisse befriedigt, keine direkten Anweisungen gibt und keine außertherapeutischen Beziehungen eingeht. Sie ist nicht mit Abstinenz im suchtmedizinischen Sinne gleichzusetzen.
Hintergrund
Die Abstinenzregel entstammt der klassischen Psychoanalyse und wurde im frühen 20. Jahrhundert als Bestandteil psychoanalytischer Behandlungstechnik formuliert. Sie gehört zu den technischen Grundregeln analytischer Therapie. Historisch dient sie der Trennung von therapeutischer Beziehung und Alltagsinteraktion sowie der Rahmensicherung.
Funktion
Die Abstinenzregel begrenzt die therapeutische Interaktion auf den Behandlungsauftrag. Sie verhindert die unmittelbare Befriedigung emotionaler, sozialer oder instrumenteller Bedürfnisse des Patienten durch den Therapeuten. Sie ermöglicht die Entfaltung von Übertragung und Gegenübertragung und macht unbewusste Beziehungsmuster beobachtbar.
Besonderheiten
Die konkrete Auslegung der Abstinenzregel ist abhängig vom Setting. Sie variiert je nach Behandlungsform, Störungsbild und Funktionsniveau des Patienten. Technische Modifikationen sind insbesondere bei strukturell beeinträchtigten oder Trauma-assoziierten Patienten beschrieben. Grenzverletzungen und Grenzüberschreitungen sind Abweichungen von der Abstinenzregel.
Literatur
- Freud. Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. 1912
- Greenson. The Technique and Practice of Psychoanalysis. 2016