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Sexuelle Auswirkungen der Zirkumzision

1 Hintergrund

Die Zirkumzision oder auch Beschneidung bezeichnet die chirurgische Entfernung der Vorhaut der Peniseichel. Cold und Taylor (1999) veröffentlichten eine detaillierte Erläuterung der Struktur und der Funktion der Vorhaut:

„Die Vorhaut ist primär erogenes Gewebe, das für die normale sexuelle Funktion notwendig ist. Die komplexe Interaktion zwischen der protopathischen Sensibilität der an korpuskulären Rezeptoren armen Eichel und dem an korpuskulären Rezeptoren reichen gefurchten Band der männlichen Vorhaut ist für ein normales sexuelles Verhalten beim Geschlechtsverkehr notwendig.
Die erhöhte Häufigkeit von Masturbation, Analverkehr und Fellatio, über die beschnittene Männer in den USA berichten, ist möglicherweise die Folge des sensorischen Ungleichgewichts infolge der Beschneidung. Zweifellos führt die Amputation der Vorhaut zu Veränderungen im sexuellen Verhalten von Männern und Frauen.“[1]

Dieser Verlust an sensorischer Funktion beim beschnittenen Penis war ein gewichtiger Faktor für die Verbreitung der Zirkumzision aus nichtreligiösen Gründen in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts.[2]

Ende des 19. Jahrhunderts bewarben Ärzte die Zirkumzision als Mittel zur Heilung oder zur Prävention von Lähmungen, Schlaflosigkeit, Verdauungsprobleme, Epilepsie und Skoliose, Wahnsinn, Promiskuität, Homosexualität, Enuresis, Albträume, Spermatorrhö und Masturbation. Alle der aufgelisteten Begründungen zur Zirkumzision wurden auf die Masturbation zurückgeführt.[2]

Die Masturbation unter Jungen wurde so zum Hauptbeweggrund für die Beschneidung.[3] Die unter Medizinern vertretene Theorie war, dass wenn dem Penis Schmerzen zugefügt würden und empfindliches Gewebe entfernt würde, Jungen und Männer davon abgehalten würden zu masturbieren.[3]

Ärzte warben ausdrücklich dafür, dass die Operation ohne Betäubung durchgeführt werden sollte, sodass sie als Strafe wahrgenommen würde und bei dem Jungen, der dem verbotenen Akt der Masturbation schuldig war, eine schmerzhafte Erinnerung hinterließ.[3]

2 Penissensitivität

Die Vorhaut, nicht die Eichel, ist der für leichte Berührung sensibelste Teil des Penis.[4] Im Durchschnitt enthält die Vorhaut über 73m Nervenfasern rund 20000 überwiegend spezialisierter Nervenenden einschließlich (Meissner-Körperchen, Vater-Pacini-Körperchen, Rufini-Körperchen und Merkel-Zellen). Diese spezialisierten Nervenenden können selbst leichteste Berührungen und Temperatur- und Texturunterschiede detektieren. Die Vorhaut ist damit sensibler als die Lippen oder die Fingerspitzen.[5] Im Vergleich dazu befinden sich auf der Glans penis nur rund 4000 überwiegend unspezialisierte freie Nervenenden, sogenannte Nozizeptoren, die lediglich Schmerzreize aufnehmen können. Letztlich werden durch die Zirkumzision nicht nur ein Großteil der Nervenendigungen des Penis insgesamt entfernt, sondern darüber hinaus fast alle der besonders empfindlichen niedrigschwelligen spezialisierten Nervenendigungen irreversibel entfernt. Nach der Beschneidung werden die verbliebenen circa 4000 Nervenendigungen der nun permanent entblößten Eichel von einer lebenslang stetig wachsenden Hornhaut umgeben. Die Sensibilität der Eichel wird infolge dieser Keratinisierung somit mit zunehmendem Alter geringer.

Sorrells

Sorrells 2

Sorrells

Für viele Männer spielt die Vorhaut aufgrund ihrer sexuellen Empfindsamkeit eine bedeutende Rolle in ihrem Sexualleben. Auch eine Beschädigung oder Entfernung des Frenulums im Zuge der Beschneidung kann kritisch betrachtet werden. Wie die Vorhaut besitzt dieser Teil des Penis eine größere Nervendichte als die Eichel,[5] und ist daher ebenfalls empfindsamer als diese.[5][6] Das Frenulum kann auch bei einigen sexuellen Praktiken wie zum Beispiel Fellatio eine bedeutende Rolle spielen. Dies gilt freilich auch für den besonders dicht mit Nervenenden durchsetzen äußeren Rand der Vorhaut, das sogennante gefurchte Band, das sich am Übergangsbereich von der Haut der äußeren Vorhaut zur Schleimhaut der inneren Vorhaut befindet.[7]

Die Bislang ausführlichste Studie, bei der die Penisensibilität objektiv untersucht wurde und die bislang einzige Studie, die eine Untersuchung der Sensibilität der Vorhaut miteinschloss, stellte fest, dass nicht-beschnittene Männer im Vergleich zu beschnittenen Männern eine bis zu viermal höhere Sensitivität für Berührungsreize am Penis aufweisen. (Vgl. Graphik rechts)

Mittels spezieller neurologischer Messinstrumente, so genannten Semmes-Weinstein-Monofilamenten, die zuvor schon zur Untersuchung der Sensibilität weiblicher Genitalien eingesetzt wurden, untersuchten die Wissenschaftler die Sensitivität für leichte Berührungen an 17 Stellen des intakten Penis und an den verbleibenden 9 Stellen des beschnittenen Penis plus zwei Stellen an der Beschneidungsnarbe.[4]

Die Studie gelangte zu dem Ergebnis:

„Die Beschneidung entfernt den empfindsamsten Teil des männlichen Penis und verringert die Empfindlichkeit für leichte Berührungen der Glans penis. Die empfindlichsten Regionen des unbeschnittenen Penis sind jene Teile des Penis, die durch die Beschneidung entfernt werden. Verglichen mit dem empfindlichsten Bereich, den der beschnittene Penis noch besitzt, sind mehrere Stellen des unbeschnittenen Penis (der dorsale wie auch ventrale Saum der Vorhautöffnung, das Frenulum nahe dem gefurchten Band, und das Frenulum nahe der mukokutanen Verbindung), die dem beschnittenen Penis fehlen, signifikant empfindlicher. “[4]

3 Orgasmus-Schwierigkeiten

Eine umfangreiche dänische Studie von Frisch, Lindholm, and Gronbaek (2011), die die sexuellen Auswirkungen der Beschneidung untersuchte, stellte fest, dass die Beschneidung eine Vielzahl sexueller Probleme sowohl für Männer als auch für deren Partnerinnen verursacht.

Die Studie, bei der über 5000 Männer und Frauen untersucht wurden, fand heraus, dass die Beschneidung mit häufigen Orgasmus-Schwierigkeiten bei Männern und einer Vielzahl sexueller Schwierigkeiten bei Frauen vergesellschaftet ist, insbesondere Orgasmus-Schwierigkeiten, Schwierigkeiten mit der Penetration, schmerzhafter Geschlechtsverkehr und ein "Gefühl der unvollständigen Erfüllung der sexuellen Bedürfnisse.[8] (Vgl. Abbildung)

Beschneidung und sexuelle Dysfunktion

Die Studie stellte fest, dass mit Bezug auf gelegentlich auftretende Orgasmusschwierigkeiten kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen intakten und beschnittenen Männern besteht, jedoch hinsichtlich häufig auftretenden Orgasmusschwierigkeiten ein beträchtlicher statistischer Unterschied zwischen beiden Gruppen vorliegt. Beschnittene Männer berichteten 3 mal häufiger über häufig auftretende Orgasmusschwierigkeiten als unbeschnittene Männer. [8]

4 Auswirkungen auf den Partner

Eine US-Studie aus dem Jahre 1999, in der Frauen befragt wurden, die über Erfahrungen sowohl mit beschnittenen als auch unbeschnittenen Sexualpartnern verfügten, zeigte auf, dass die Teilnehmerinnen mehrheitlich Vaginalverkehr mit einem unbeschnittenen Penis bevorzugten.[9] Die Testteilnehmerinnen merken ferner an, dass ihre intakten männlichen Sexualpartner den Geschlechtsverkehr mehr zu genießen schienen als ihre beschnittenen Sexualpartner.[9]

Die Studie von Frisch et. al (2011), die zuvor bereits beschrieben wurde, bekräftigte diese Ergebnisse: Die Studie stellte fest, dass die Beschneidung des Mannes mit einer Vielzahl sexueller Schwierigkeiten bei deren Partnerin vergesellschaftet ist, insbesondere Orgasmus-Schwierigkeiten, Schwierigkeiten mit der Penetration, schmerzhaftem Geschlechtsverkehr und ein "Gefühl der unvollständigen Erfüllung der sexuellen Bedürfnisse". [8]

So berichteten Frauen mit beschnittenen Partnern 2 bis 3 mal häufiger unter allgemeiner Sexueller Dysfunktion (OR 3.26) und häufigen Orgasmusschwierigkeiten (OR 2.66), und sogar 8 mal häufiger an Dyspareunie (schmerzhaftem Geschlechtsverkehr) als Frauen mit unbeschnittenen Partnern.[8]

5 Einzelnachweise

  1. Cold, CJ; Taylor, JR (1999). "The prepuce". BJU Int 83 Supp 1: 34–44. 
  2. 2,0 2,1 Gollaher DL (1994). "From ritual to science: the medical transformation of circumcision in America". Journal of Social History 28 (1): 5–36. 
  3. 3,0 3,1 3,2 Robert, R (2003). "The masturbation taboo and the rise of routine male circumcision: a review of the historiography.". J Soc Hist 36:: 737-57.. doi:10.1353/jsh.2003.0047.. 
  4. 4,0 4,1 4,2 Sorrells, Morriss L.; James L. Snyder, Mark D. Reiss, Christopher Eden, Marilyn F. Milos, Norma Wilcox and Robert S. Van Howe (March 2007). "Fine-touch pressure thresholds in the adult penis". BJU International 99 (4): 864–869. doi:10.1111/j.1464-410X.2006.06685.x. PMID 17378847. 
  5. 5,0 5,1 5,2 McGrath K. The frenular delta: a new preputial structure. In: Denniston GC, Hodges FM, Milos MF, editors.Understanding Circumcision: A Multi-Disciplinary Approach to a Multi-Dimensional Problem. New York: Kluwer/Plenum, 2001; pp. 199-206.
  6. Crooks R., Baur K.: Our Sexuality, Fifth Edition, Redwood City, The Benjamin/Cummings Publishing Co., 1993: 129
  7. Taylor, JR; Lockwood, AP; Taylor, AJ (1996). "The prepuce: specialized mucosa of the penis and its loss to circumcision". Br J Urol 77 (2): 291–5. doi:10.1046/j.1464-410X.1996.85023.x. PMID 8800902. 
  8. 8,0 8,1 8,2 8,3 Frisch M, Lindholm M, Grønbæk M (June 2011). "Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark". Int J Epidemiol. Epub ahead of print. doi:10.1093/ije/dyr104. PMID 21672947. 
  9. 9,0 9,1 O'Hara K, O'Hara J. The effect of male circumcision on the sexual enjoyment of the female partner. BJU Int 1999; 83, Suppl. 1:79-84.
Bei der ganzen Diskussion muss beachtet werden, dass die Anzahl an med. notwendigen OPs - vornehmlich aufgrund einer Phimose - stetig steigt. Alleine in Dt. sind etwa 30-40% aller an Diabetes erkrankten Männer davon betroffen. Und die Zahl wird noch weiter steigen. Daher relativiert sich die Zahl der kulturuellen Zirkumzisionen erheblich.
#3 am 14.08.2013 von Yücel Yanaz (Mitarbeiter Industrie)
Gast
Sie liegen falsch. In der Studie – ich nehme an, siebe ziehen sich auf die Frisch et. al-Studie – wurden die Daten auf das Alter kontrolliert, so wie die Daten weitere mögliche Störfaktoren kontrolliert wurden. So heißt es im Paper der Studie: "Specifically, ORadj were adjusted for age (16–29, 30–44, 45–59, ≥60 years), cultural background (Danish vs other; persons with at least one Danish-born parent were considered Danish), membership of religious community (yes vs no), three sociodemographic variables that were recently reported to be associated with sexual dysfunction in Denmark," Die Begriff "Orgasmus-Schwierigkeiten/Probleme" wird im Paper ebenfalls erklärt und ist zudem allgemein bekannt als Sammelbezeichnung für auf den Orgasmus bezogene sexuelle Funktionsstörungen beim Mann wie vorzeitige Samenerguss, verzögerter Samenerguss, oder Unfähigkeit zum Samenerguss (Anorgasmie). beim Mann, bzw. Schwierigkeiten bis hin zur Unfähigkeit einen Orgasmus zu erreichen bei der Frau. Penetrations-Schwierigkeiten bezeichnen selbsterklärend Schmerzen beim Einführen des Penis. Was die vermeintlich positiven Effekte verminderter Empfindlichkeit der Glans anbelangt, soll der Hinweis genügen, dass zu geringe Sensibilität einer der Hauptgründe für das Entstehen von Orgasmusstörungen beim Mann ist. Ihre Einwände gegen die Studie sind deshalb in Gänze unbegründet (die Studien-Daten wurden auf eine Vielzahl Störfaktoren kontrolliert inkl. das Alter, die fraglichen Begriffe werden im Paper definiert und sind ferner allgemein bekannt) und zielen einzig und allein darauf ab, die Studie zu diskreditieren.
#2 am 21.07.2012 von Gast (Medizinjournalist)
Gast
Die Studie ist nicht glaubwürdig. Die untersuchten Probanden werden weder nach Alter noch nach sonstigen Kriterien differenziert, was gerade bei Studien über Sexualität unabdingbar wäre. Es wird nicht erläutert, was genau unter Orgasmus-oder Penetrations-Schwierigkeiten zu verstehen ist etc. Die verringerte Empfindlichkeit der Glans penis bei Beschnittenen ist ein durchaus positiver Effekt, der die Dauer des Koitus verlängern kann und somit dem weiblichen Orgasmus förderlich ist, wie oft genug berichtet wurde. Derartige Studien sind nutzlos und diskreditieren eine sinnvolle medizinische Maßnahme.
#1 am 13.07.2012 von Gast (Arzt)

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