Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom
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Synonyme: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS), Hyperkinetisches Syndrom, Zappelphilipp-Syndrom
Englisch: attention deficit hyperactivity disorder (ADHD), attention deficit disorder (ADD)
Inhaltsverzeichnis |
1 Definition [bearbeiten]
Das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom ist eine vor allem bei Kindern auftretende Verhaltensstörung, die mit Konzentrationsstörungen, motorischer Hyperaktivität und gesteigerter Erregbarkeit einhergeht. Die motorische Hyperaktivität ist allerdings als fakultatives Symptom anzusehen, da es eine Ausprägung ohne Hyperaktivität (Träumer) wahrscheinlich ebenso häufig gibt. Nicht selten finden sich zusätzlich Störungen des Sozialverhaltens. Die Ausprägung und Verteilung der verschiedenen Symptome variiert mit zunehmendem Alter der betroffenen Patienten.
2 Verbreitung [bearbeiten]
Die Angaben zur Prävalenz des ADHS unterscheiden sich in Abhängigkeit von den zugrundeliegenden Diagnosekriterien. Die DSM-IV-Kriterien sind niedriger als die Diagnosekriterien nach ICD-10. Gemäß DSM-IV wird die Prävalenz einer situationsübergreifenden Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung auf 3 bis 15% der Kinder im Schulalter geschätzt. Nach den Leitlinien eines Expertenkonsensus persistieren die meisten Symptome - teils in abgemilderter Form - bis in das Erwachsenenalter (Ebert et al., 2003).
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3 Ursachen [bearbeiten]
Die Ursachen, die zu einem ADHS führen, sind derzeit (2008) noch nicht vollständig aufgeklärt. Generell wird von einer multifaktoriellen Pathogenese ausgegangen, bei der sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen.
Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass neurobiologische Faktoren einen weitaus größeren Einfluss haben als psychosoziale. Sowohl Familien- und Zwillingsstudien als auch molekulargenetische Untersuchungen ergaben, dass genetische Faktoren eine große Rolle bei der Pathogenese spielen.
Schädigungen des Zentralnervensystems während der Schwangerschaft oder Geburt werden ebenfalls mit dem Auftreten eines ADHS in Zusammenhang gebracht.
4 Diagnose [bearbeiten]
Die Diagnostik baut auf der allgemeinen Basisdiagnostik psychischer Störungen des Kindes- und Jugendalters auf, wie im Leitfaden beschrieben (Döpfner et al., 2000). Die Diagnose soll durch einen spezialisierten Facharzt erfolgen, in den meisten Fällen durch einen Psychiater oder einen im Bereich ADHS erfahrenen Kinderarzt oder Allgemeinarzt. Bei der hohen Prävalenz der Erkrankung wird letzteres der Regelfall werden, da die vergleichsweise geringe Anzahl der Psychiater, insbesondere der Kinder- und Jugendpsychiater, den Bedarf nicht abdecken kann.
Die Diagnose der ADHS ist komplex und bedarf der Information aus mehrerern Quellen durch eine Kombination aus Interviews, klinischer sowie psychiatrischer und psychologischer Untersuchung. In Interviews sowohl mit den Erziehungsberechtigten als auch dem Lehrer des Kindes wird die aktuelle hyperkinetische Symptomatik, die störungsspezifische Entwicklungsgeschichte und spezifische medizinische Anamnese exploriert. Hilfreich sind standardisierte Fragebögen und validierte Checklisten. Diese Informationen werden dann genutzt, um eine Diagnose nach ICD-10 bzw. DSM-IV zu stellen.
Nach ICD-10 müssen für die Diagnose einer einfachen Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung sowohl Aufmerksamkeitsdefizit als auch Hyperaktivität und Impulsivität vorliegen.
DSM-IV sieht dagegen drei Diagnosen vor:
- Mischtyp, bei dem sowohl Aufmerksamkeitsdefizit als auch Hyperaktivität und Impulsivität vorhanden sind
- vorwiegend unaufmerksamer Typ, bei dem Hyperaktivität und Impulsivität nicht bzw. nicht augenfällig ausgeprägt sind
- vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ, bei dem das Aufmerksamkeitsdefizit nicht bzw. nicht stark ausgeprägt sind.
Die Einteilung nach DSM-IV bildet eher die Realität ab. Der hyperaktive Typ ist zumeist der Mischtyp. Experten gehen davon aus, dass der reine hyperaktiv-impulsive Typ praktisch nicht vorkommt. Der unaufmerksame Typ ist zahlenmäßig unterschätzt, weil eine Vorstellung beim Kinder- oder Hausarzt wegen der Unauffälligkeit des Betroffenen seltener erfolgt und die Diagnosestellung erschwert ist.
Eine differentialdiagnostische Abgrenzung und Überprüfung psychischer komorbider Störungen ist zwingend erforderlich.
5 Therapie [bearbeiten]
Die ADHS wird mit einem umfassenden Behandlungsprogramm behandelt. Dieses Behandlungsprogramm umfasst in der Regel psychologische, erzieherische und soziale Maßnahmen und wird oft durch eine medikamentöse Therapie ergänzt.
Oft ist die Medikation eine notwendige Unterstützung der Psychotherapie bzw. der Erziehungsberatung und Pädagogik, da die Kinder so die vermittelten Anweisungen und Massnahmen besser umsetzen und eine verbesserte Selbststeuerung haben.
5.1 Medikamentöse Therapie [bearbeiten]
Bei der medikamentösen Behandlung des ADHS wird in erster Linie Methylphenidat eingesetzt. Die Dosis wird an die Erfordernissen des Einzelfalls angepasst. Die Therapie mit Methylphenidat sollte mit einer niedrigen Dosis begonnen und in kleinen Stufen bis zum Erreichen einer verträglichen und genügend wirksamen Dosis gesteigert werden.
Hierbei gilt der Grundsatz, die Dosis so klein wie möglich zu halten, ohne dabei zu niedrig zu dosieren. Die Behandlung sollte einschleichend begonnen werden. Es empfiehlt sich ein Beginn mit 5 mg und Einnahmeintervallen von 3,5-4 Stunden. Als praktikabel hat sich folgendes Schema bewährt (Angaben in mg):
- 1.-3. Tag: 5-0-0
- 4.-6. Tag: 5-5-0
- 7.-9. Tag: 5-5-5
- ab 10. Tag: 10-5-5
Anschließend kann die Tagesdosis in ein- bis zweiwöchentlichen Abständen um 5–10 mg, auf die Gesamttagesdosis bezogen, erhöht werden, wobei eine maximale Tagesdosis von 60 mg nicht überschritten werden sollte.
Die Gesamttagesdosis wird üblicherweise über den Tag verteilt eingenommen. Nach erfolgter Einstellung wird überprüft, ob die Compliance gut ist, da oft die notwendige Einnahme der 2. Dosis während der Schulzeit nicht erfolgt. In diesem Fall kann auf ein lang- oder mittellang wirksames Retardpräparat umgestellt werden, welches die Schul- und Hausaufgabenzeit abdeckt. Wichtig erscheint allerdings die Überlegung, dass eine Abdeckung über den größten Teil des Tages für die Entwicklung des Betroffenen geboten ist, da eine verbesserte Steuerungsfähigkeit in Familie und Peer-Groups mindestens ebenso wünschenswert für die Entwicklung sozialer Fähigkeiten und Reduzierung meist vorhandenen Konfliktpotenzials ist, wie die Verbesserung der Bildungsfähigkeit.
5.2 Neurofeedbacktherapie [bearbeiten]
Als nicht-medikementöse Therapie wird das sogen. Neurofeedback angewandt, vornehmlich von speziell fortgebildeten Ergotherapeuten oder innerhalb von Projektstudien an Universitätskliniken. Dabei wird eine bei ADHS-Betroffenen maßgeblich symptombedingende Anomalie im Bereich der Gehirnfrequenzverteilung durch EEG-unterstütztes Training normalisiert. Verbesserungen der Aufmerksamkeit, Aktivitätsregulation und Impulskontrolle stellen sich üblicherweise nach ca. zehn bis 20 einstündigen Sitzungen ein. Als Therapiedauer werden rund 40 Stunden empfohlen. Die Ergebnisse sollen aufgrund der Neuroplastizität permanent sein und in geeigneten Fällen eine weitere Behandlung mit Psychopharmaka überflüssig machen. Die Methode ist jedoch nicht unumstritten und noch Gegenstand klinischer Forschung.
6 Hinweis [bearbeiten]
Die medikamentöse Behandlung des ADHS ist ebenso wie die Diagnose selbst nicht unumstritten und wird - auch innerhalb der medizinischen Fachkreise - kontrovers diskutiert. Einige Kritiker halten ADHS nicht für ein eigenständiges Krankheitsbild, sondern für eine unscharfe Sammelbezeichnung ganz unterschiedlicher Verhaltensstörungen. Andere warnen davor, dass die Pharmakotherapie häufig ohne ausreichende Diagnose verordnet wird und dazu eingesetzt werden könnte, anders geartete Probleme - insbesondere Störungen des familiären Umfelds - zu kaschieren.
7 Literatur [bearbeiten]
- American Academy of Child and Adolescent Psychiatry (1997). Practice parameters for the assessment and treatment of children, adolescents and adults with attention-deficit /hyperactivity disorder. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 36, 85S-121S.
- American Academy of Child and Adolescent Psychiatry (2002). Practice Parameter for the Use of Stimulant Medications in the Treatment of Children, Adolescents, and Adults. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 41, 2 Supplement, 26–49.
- American Academy of Pediatrics (2001). Clinical Practice guideline: Treatment of the school-aged child with attention-deficit/hyperactivity disorder. Pediatrics 108, 1033-1044.
- American Academy of Pediatrics (2000). Clinical practice guideline: diagnosis and eva-luation of the child with attention-deficit/hyperactivity disorder. Pediatrics 105, 1158 – 1170
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Deutschland, Bundesarbeitsgemeinschaft der leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (2000). Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Köln: Deutscher Ärzte Verlag.
- Döpfner, M., Frölich, J. & Lehmkuhl, G. (2000). Hyperkinetische Störungen. Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie, Band 1. Göttingen, Hogrefe.
- Döpfner, M. & Lehmkuhl, G. (2002). ADHS von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter – Einführung in den Themenschwerpunkt. Kindheit und Entwicklung, 11, 67-72. Döpfner, M. & Lehmkuhl, G. (2003). Hyperkinetische Störungen (F90). In: Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Deutschland, Bundesarbeitsgemeinschaft der leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (Hrsg.) Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter (2. überarb. Aufl.), 237-249. Köln: Deutscher Ärzte Verlag.
- Döpfner et al.: Diagnostik psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter. Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie, Band 2. Göttingen, Hogrefe, 2000.
- Ebert et al.: ADHS im Erwachsenenalter – Leitlinien auf der Basis eines Expertenkonsensus mit Unterstützung der DGPPN, Der Nervenarzt 10, 939-946, 2003.
- Taylor, E., Sergeant, J., Doepfner, M., Gunning, B., Overmeyer, S., Möbius, H. & Eisert, H. G. (1998). Clinical guidelines for hyperkinetic disorder. European Child & Adolescent Psychiatry, 7, 184-200.
8 Weblinks [bearbeiten]
[1] - Leitlinie ADHS
[2] - Weiterer Grundlagenartikel
[3] - Übersicht der Diagnosen
[5] - Deutsche Gesellschaft zur Erforschung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
[6] - Pressemittelung über Einigung über die Diagnose und Behandlung des ADHS
[7] - ADHS-Kritik
9 Selbsthilfegruppen und Portale [bearbeiten]
[1] - ADHS Selbsthilfe
[2] - ADHS Deutschland
[3] - ADHS
[4] - Portal ADD-Online mit Fachinfos und Forum
[5] - ADHS Fragen und Antworten
[6] - Hyperaktiv ADS, ADHS
Fachgebiete: Kinderheilkunde, Psychiatrie
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