Zuschauereffekt
Definition
Der Zuschauereffekt, auch Bystander-Effekt genannt, bezeichnet das sozialpsychologische Phänomen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Hilfeleistung für eine Person in Not mit zunehmender Zahl anwesender Beobachter abnimmt.
Hintergrund
Das Phänomen wurde sozialpsychologisch in den 1960er-Jahren systematisch untersucht, nachdem ein Gewaltverbrechen in New York City (der Fall um Kitty Genovese) große öffentliche Aufmerksamkeit erregt hatte. Die späteren Experimente von Bibb Latané und John Darley zeigten, dass Menschen in Notsituationen weniger häufig eingreifen, wenn andere anwesend sind.
Als Erklärungsmechanismen gelten vor allem:
- Diffusion der Verantwortung: Jeder Anwesende geht davon aus, dass jemand anderes helfen wird.
- Pluralistische Ignoranz: Menschen orientieren sich am zögerlichen Verhalten der anderen und schließen daraus, dass kein Notfall vorliegt.
- Bewertungsangst: Die Sorge, sich durch falsches Eingreifen zu blamieren, hemmt die Hilfeleistung.
Bedeutung
Der Zuschauereffekt erklärt, warum in öffentlichen Situationen trotz vieler Anwesender Hilfe ausbleiben kann. Das Wissen um diesen Effekt ist u. a. für Notfallmedizin, Erste-Hilfe-Schulung, Sicherheitskonzepte und Krisenintervention relevant, da gezielte Ansprache einzelner Personen („Sie dort mit der roten Jacke, rufen Sie den Notruf!“) die Verantwortungsdiffusion aufhebt.