Rituelle Gewalt
Definition
Rituelle Gewalt ist eine Form von organisierter Gewaltanwendung, die über einen längeren Zeitraum ausgeübt wird. Sie ist entweder in eine Ideologie eingebettet ist oder täuscht einen ideologischen Hintergrund gegenüber den Opfern vort. Die Gewalt kann physische, psychische oder sexualisierte Formen annehmen.
Geschichte
Rituelle Gewalt ist ein Phänomen, das wissenschaftlich seit der sogenannten Satanic Panic der 1980er und 1990er Jahre untersucht wurde. Hier wurden zahlreiche Fälle von ritueller satanischer Gewalt von Betroffenen berichtet, wobei in der Regel kein Nachweis der Taten erbracht werden konnte.
Die Satanic Panic wurde deshalb als Massenpsychose gewertet und auf psychologische Phänomene wie das False-Memory-Syndrom und psychotherapeutische Behandlungsfehler (z. B. durch Suggestion, oder suggestive Traumdeutung) zurückgeführt.
In den 2020er Jahren wurden Fälle von nigerianischen Frauen bekannt, die Opfer von ritueller Gewalt wurden. Die Betroffenen wurden durch Voodoo-Rituale systematisch verängstigt und eingeschüchtert und in mehreren europäischen Ländern als Zwangsprostituierte ausgebeutet. Es wird von tausenden Betroffenen ausgegangen[1], wobei in den 1990er Jahren hunderte Nigerianerinnen spurlos aus Asylunterkünften verschwanden.[2]
Terminologie
Nach einer Definition der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm und des Kompetenzzentrums Kinderschutz in der Medizin Baden-Württemberg aus dem Jahr 2023 umfasst rituelle Gewalt:[3]
- die systematische Anwendung schwerer Gewalt
- eine Zusammenarbeit der Täter
- optional eine kommerzielle sexuelle Ausbeutung (Zwangsprostitution, Menschenhandel, Erstellung von pornografischem Material)
- Rechtfertigung der Gewalt durch eine vorgetäuschte oder tatsächliche Ideologie
Wenn die ersten drei Kriterien erfüllt sind, handelt es sich lediglich um organisierte sexualisierte Gewalt. Erst wenn eine legitimierende Ideologie von den Tätern genutzt wird, wird definitionsgemäß von ritueller Gewalt gesprochen.
Prävalenz
Dass rituelle Gewalt in Industrieländern ein relevantes gesellschaftliches Phänomen darstellt, gilt derzeit (Stand 2026) wissenschaftlich als nicht gesichert. Es wird jedoch von einem Dunkelfeld ausgegangen, da Betroffene teils keine Hilfe suchen, etwa wenn Täter aus dem Familienumfeld kommen (Trauma bonding).[3]
Da von einer geringen Prävalenz ausgegangen wird (< 0,1% in der Gesamtpopulation), ist bei einem breiten Screening eine hohe Rate an falsch-positiven Ergebnissen zu erwarten.
Eine falsche Vermutung von Missbrauchsvorgängen kann für vermeintliche Opfer und Täter traumatisierend sein und bindet Ermittlungskapazitäten, die zur Aufdeckung tatsächlicher Fälle fehlen. Vor dem Hintergrund wird empfohlen, statt Screenings eine systematische Erfassung und Auswertung von bestätigten Fällen durchzuführen.[3]
Kontroverse
Im Rahmen der Mind-Control-Theorie wird von einigen Therapeuten die These vertreten, dass im Rahmen ritueller Gewalt eine dissoziative Identitätsstörung willentlich herbeigeführt werde, um mentale Kontrolle über Opfer zu erlangen. Hierdurch werde das Opfer davon abgehalten, sich hilfesuchend an Dritte zu wenden.[4]
Diese Deutung wird von anderen Therapeuten zurückgewiesen und als Überdiagnostik einer dissoziativen Identitätsstörung bei Menschen, die tatsächlich an einer Traumafolgestörung oder an einer posttraumatische Belastungsstörung leiden, zurückgewiesen.[5]
Literatur
- Organisierte und rituelle Gewalt und Menschenhandel (Bundesweiter Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V.)
- Organisierte sexualisierte und rituelle Gewalt (Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen)
- Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen (ECPAT Deutschland e. V.)
- Ritueller sexueller Missbrauch (Der Nervenarzt)
- Ritueller Missbrauch im Satanismus (Beratung und Information zu neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen)
Quellen
- ↑ United Nations Interregional Crime and Justice Research Institute (UNICRI): Victims of human trafficking and magic-religious rituals.
- ↑ Baarda CS: Human trafficking for sexual exploitation from Nigeria into Western Europe: The role of voodoo rituals in the functioning of a criminal network. European Journal of Criminology 2016; 13(2):257–273.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Universitätsklinikum Ulm, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie: Expertise zu Begrifflichkeiten und Häufigkeiten im Bereich organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt. Ulm, 2023
- ↑ ECPAT Deutschland e.V.: Terminologischer Leitfaden für den Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexualisierter Gewalt. Köln 2019.
- ↑ Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP): Behandlung von Traumafolgestörungen und das Recht auf wirksame Hilfe – Positionspapier. Bern/Steinhausen 2025.