Neurologische Vikariation
von lateinisch: vicarius - Stellvertreter, Ersatz
Definition
Die neurologische Vikariation ist eine Hypothese aus der Neurorehabilitation und Neuropsychologie, nach der Funktionen geschädigter Hirnareale durch andere, zuvor nicht oder nur gering beteiligte neuronale Strukturen teilweise kompensiert werden können. Sie ist ein Bestandteil der Neuroplastizität und dient gemeinsam mit anderen Restitutions- und Kompensationsmechanismen als Erklärungsmodell für funktionelle Erholung nach Läsionen des Zentralnervensystems
Hintergrund
Die neurologische Vikariation beruht auf einer funktionellen Reorganisation bestehender neuronaler Netzwerke. Die beobachtete klinische Besserung wird dabei auf plastische Anpassungsprozesse im Zentralnervensystem zurückgeführt.
Klinische Relevanz
Die Vikariationshypothese wird zur Erklärung funktioneller Erholung nach umschriebenen Hirnläsionen, insbesondere nach Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma und neurochirurgischen Eingriffen, herangezogen. Bildgebende Verfahren zeigen dabei häufig eine Aktivierung bislang nicht primär beteiligter Hirnareale, was als Ausdruck kompensatorischer Rekrutierung oder Reorganisation interpretiert werden kann, jedoch nicht per se funktionelle Übernahme beweist.
Einordnung
Die neurologische Vikariation stellt kein eindeutig nachgewiesenes Einzelprinzip, sondern ein theoretisches Modell dar. In der aktuellen Neurowissenschaft wird sie überwiegend im Rahmen des übergeordneten Konzepts der neuronalen Plastizität diskutiert und nicht als isolierter biologischer Mechanismus verstanden.
Literatur
- Nelles (Hrsg.), Neurologische Rehabilitation, Thieme, 2004
- Puderbaugh und Emmady, Neuroplasticity, StatPearls, 2023