Hyperlysinämie
Synonym: familiäre Hyperlysinämie
Englisch: hyperlysinemia
Definition
Die Hyperlysinämie ist eine sehr seltene, autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselkrankheit, die durch eine Störung des Lysinabbaus gekennzeichnet ist. Sie führt zu erhöhten Lysinspiegeln im Blut und Urin.
Epidemiologie
Die Hyperlysinämie ist eine sehr seltene Erkrankung. Bisher liegen lediglich Einzelfallberichte vor.
Ätiologie
Ursache ist ein biallelischer Defekt im AASS-Gen, das für die α-Aminoadipinsäure-Semialdehyd-Synthase (AASS) kodiert. Dieses bifunktionelle Enzym vereint die Aktivitäten der Lysin-Ketoglutarat-Reduktase und der Saccharopin-Dehydrogenase. Es katalysiert die ersten beiden Schritte des Lysinabbaus.
Pathogenese
Bei der klassischen Hyperlysinämie (Typ I) sind beide Enzymaktivitäten vermindert, was zu einer ausgeprägten Akkumulation von Lysin im Plasma und einer vermehrten renalen Ausscheidung führt. Beim Hyperlysinämie-Typ II (Saccharopinurie) ist überwiegend die Saccharopin-Dehydrogenase-Aktivität betroffen, sodass zusätzlich Saccharopin akkumuliert.
Neben der Hyperlysinämie können je nach Stoffwechselumleitung weitere Marker auffällig sein, insbesondere Pipecolinsäure und Homoarginin, die Nebenprodukte des Lysinabbaus sind.
Experimentelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass insbesondere Saccharopin mitochondriale Dysfunktionen induzieren kann. Dies könnte eine mögliche Erklärung für die in einem Teil der Patienten beobachteten neurologischen Symptome sein. Der genaue Zusammenhang zwischen erhöhten Lysinkonzentrationen, mitochondrialer Dysfunktion und klinischer Symptomatik ist jedoch bisher (2026) nicht vollständig geklärt und scheint individuell variabel zu sein.
Ein alternativer Lysinabbau über den Pipecolsäure-Weg, der vor allem im ZNS von Bedeutung ist, bleibt bei der Hyperlysinämie weitgehend erhalten und könnte zur insgesamt oft milden klinischen Ausprägung beitragen.
Symptome
Das klinische Spektrum ist breit. Viele Betroffene sind asymptomatisch oder nur mild beeinträchtigt. Bei einem Teil werden neurologische Manifestationen berichtet, vor allem Entwicklungsauffälligkeiten und epileptische Anfälle.
Diagnostik
Die Diagnose erfolgt laborchemisch durch den Nachweis deutlich erhöhter Lysinspiegel im Plasma und Urin. Die molekulargenetische Sicherung erfolgt durch den Nachweis pathogener Varianten in den entsprechenden Genen des Lysinabbaus.
Therapie
Eine einheitliche Therapieempfehlung existiert bisher (2026) nicht. In symptomatischen Fällen kann eine lysinarme Diät erwogen werden. Der therapeutische Nutzen ist jedoch nicht gesichert. Die Behandlung erfolgt überwiegend symptomorientiert.
Prognose
Die Prognose ist insgesamt günstig, insbesondere bei isolierter Hyperlysinämie ohne zusätzliche Befunde. Bei neurologischer Beteiligung hängt der Verlauf vom Schweregrad der Symptome ab.
Literatur
- Houten SM et al: Genetic basis of hyperlysinemia. Orphanet J Rare Dis. 2013 Apr 9;8:57. doi: 10.1186/1750-1172-8-57. PMID: 23570448; PMCID: PMC3626681.
- Marinella et al., Hyperlysinemia, an ultrarare inborn error of metabolism: Review and update, Seizure, 2024