Chromophobes Nierenzellkarzinom
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenEnglisch: chromophobe renal cell carcinoma
Definition
Beim chromophoben Nierenzellkarzinom, kurz ChRCC, handelt es sich um einen seltenen Nierentumor, der vermutlich von Schaltzellen des kortikalen Sammelrohrs der Niere ausgeht.
- ICD-10 Code: C64.: Bösartige Neubildung der Niere, ausgenommen Nierenbecken
Hintergrund
Das chromophobe Nierenzellkarzinom macht etwa 5 % aller Nierenzellkarzinome aus.[1] Das klarzellige Nierenzellkarzinom ist mit ca. 70–75 % deutlich häufiger. Die klinische Abgrenzung dieser Subtypen ist wichtig, da Prognose und Therapieansprechen sich wesentlich unterscheiden.
Ätiopathogenese
Die genaue Histogenese des ChRCC ist bisher (2026) nicht abschließend geklärt. Am wahrscheinlichsten ist ein Ursprung aus interkalierten Zellen (Schaltzellen) des kortikalen Sammelrohrs. Charakteristisch sind multiple chromosomale Verluste, insbesondere der Chromosomen 1, 2, 6, 10, 13, 17 und 21. Bei männlichen Patienten findet sich häufig zusätzlich ein Verlust des Y-Chromosoms. Auf molekularer Ebene sind Mutationen in TP53 sowie Alterationen im PTEN/PI3K/AKT/mTOR-Signalweg beschrieben.[2] Im Gegensatz zum klarzelligen Nierenzellkarzinom spielen VHL-Mutationen beim ChRCC keine Rolle. Chromothripsis tritt nicht als allgemeines Standardmerkmal auf, sondern wird bei aggressiveren, häufig TP53-mutierten Subgruppen beobachtet. Eine sarkomatoide Differenzierung findet sich in ca. 5 % der Fälle und ist mit deutlich schlechterer Prognose assoziiert.[3]
Epidemiologie
Das ChRCC tritt vorwiegend im 6. Lebensjahrzehnt auf, wobei Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen sind. Sporadische Fälle überwiegen. Assoziierte Formen kommen im Rahmen des Birt-Hogg-Dubé-Syndroms vor, das durch eine Keimbahnmutation im FLCN-Gen (Folliculin) verursacht wird und neben renalen Tumoren auch Hautfibrome und Lungenzysten umfasst.[4]
Symptome
Das ChRCC ist in den meisten Fällen ein asymptomatischer Zufallsbefund, der im Rahmen abdomineller Bildgebung entdeckt wird. Die klassische urologische Trias aus Hämaturie, Flankenschmerz und palpabler Raumforderung findet sich nur bei einem kleinen Teil der Patienten und ist meist Zeichen eines fortgeschrittenen Stadiums.
Diagnostik
Bildgebung
Sonographie, Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) des Abdomens sind die Standardverfahren zur Detektion und zum Staging renaler Raumforderungen. Eine sichere bildmorphologische Subtypisierung – insbesondere die Abgrenzung vom Nierenonkozytom und anderen onkozytären Tumoren – ist allein durch Bildgebung nicht möglich. Zur Metastasensuche erfolgt ein CT von Thorax und Abdomen.
Histologie
Die definitive Diagnose wird histopathologisch gestellt. Eine Biopsie ist bei unklaren Befunden oder vor systemischer Therapie indiziert; im Regelfall erfolgt die Diagnose am Nephrektomiepräparat.
Pathohistologie
Makroskopie
Makroskopisch präsentiert sich das ChRCC meist als solider, gut begrenzter Tumor mit beige-bräunlicher Schnittfläche. Eine zentrale Narbe kann vorkommen, ist jedoch nicht spezifisch.
Mikroskopie
Das ChRCC zeichnet sich histopathologisch durch ein retikuläres, eosinophiles Zytoplasma mit prominenten Zellmembranen aus. Charakteristisch sind relativ große, unregelmäßige Zellkerne sowie eine perinukleäre Aufhellung.
Man unterscheidet zwei morphologische Hauptvarianten:
- Klassisches ChRCC: blasses, feingranuläres Zytoplasma mit ausgeprägter perinukleärer Aufhellung
- Eosinophile Variante: dicht eosinophiles Zytoplasma; stärkere Ähnlichkeit zum Nierenonkozytom
Im Kontext des Birt-Hogg-Dubé-Syndroms tritt häufig der sog. Hybrid-onkozytisch/chromophobe Tumor (HOCT) auf, der morphologische Merkmale beider Entitäten vereint und als eigenständige Kategorie in der WHO-Klassifikation 2022 anerkannt ist.[4]
Grading
Das WHO/ISUP-Grading, das für klarzellige und papilläre Nierenzellkarzinome validiert ist, hat beim ChRCC keine gesicherte prognostische Aussagekraft und wird nicht empfohlen. Prognostisch relevant sind stattdessen das Tumorstadium, das Vorliegen von Tumornekrosen sowie eine sarkomatoide oder rhabdoide Differenzierung.
Immunhistochemie
Immunhistochemisch zeigt das ChRCC typischerweise eine positive Reaktion für CK7 und CD117 (c-Kit). Die Expression von CAIX ist beim ChRCC im Gegensatz zum klarzelligen NZK meist negativ oder nur fokal vorhanden, was diagnostisch zur Abgrenzung beiträgt.
Therapie
Die operative Resektion ist die Therapie der Wahl. Je nach Tumorgröße und Lokalisation wird eine organerhaltende Nierenteilresektion oder eine radikale Nephrektomie durchgeführt.
Im metastasierten Stadium existieren für das ChRCC bisher (2026) keine robusten Phase-III-Daten. Für nicht-klarzellige Nierenzellkarzinome insgesamt beschreiben aktuelle Leitlinien eine begrenzte Aktivität sowohl von VEGF-Rezeptor-Inhibitoren als auch von mTOR-Inhibitoren. Tyrosinkinase-Inhibitoren wie Sunitinib können eingesetzt werden, zeigen aber geringere Ansprechraten als beim klarzelligen NZK.[5] Für das metastasierte ChRCC sollte bevorzugt die Einschlussmöglichkeit in klinische Studien geprüft werden.
Differentialdiagnosen
- Nierenonkozytom – wichtigste Differenzialdiagnose; meist benigne, aber histologisch ähnlich; CK7 meist negativ
- Klarzelliges Nierenzellkarzinom – häufigster RCC-Subtyp; CAIX positiv, unterschiedliche Genetik
- Papilläres Nierenzellkarzinom – Typ 2 kann eosinophiles Zytoplasma aufweisen; AMACR positiv
- SDH-defizientes Nierenzellkarzinom – seltene Entität mit onkozytischem Muster; SDH-B-Verlust immunhistochemisch nachweisbar
- Hybrid-onkozytisch/chromophober Tumor (HOCT) – v.a. im Kontext des Birt-Hogg-Dubé-Syndroms
Prognose
Das ChRCC weist im lokalisierten Stadium eine günstige Prognose mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von über 90 % auf.[6] Die günstige Prognose erklärt sich sowohl durch die häufige Diagnose in frühen Stadien als auch durch die im Vergleich zu anderen NZK-Subtypen indolentere Biologie. Im metastasierten Stadium sowie bei sarkomatoider oder rhabdoider Differenzierung und ausgedehnten Tumornekrosen verschlechtert sich die Prognose erheblich.
Quellen
- ↑ Moch H et al. The 2022 World Health Organization Classification of Tumours of the Urinary System and Male Genital Organs—Part A: Renal, Penile, and Testicular Tumours. Eur Urol. 2022;82(5):458-468.
- ↑ Mohanty SK et al. The 2022 revision of the World Health Organization classification of tumors of the urinary system and male genital organs: advances and challenges. Hum Pathol. 2022;136:123-143.
- ↑ D'Avella C et al. Mutations in renal cell carcinoma. Urol Oncol. 2018;38(10):763-773.
- ↑ 4,0 4,1 Wu J et al. Birt-Hogg-Dubé syndrome in an overall view: Focus on the clinicopathological prospects in renal tumors. Semin Diagn Pathol. 2024;41(3):119-124.
- ↑ Izarn F et al. Real World Data of Diagnosis, Survival, and Treatment Outcomes in Patients With Metastatic Non Clear Cell Renal Cell Carcinoma. Clin Genitourin Cancer. 2023;21(2):e35-e43.
- ↑ Leibovich BC et al. Predicting Oncologic Outcomes in Renal Cell Carcinoma After Surgery. Eur Urol. 2018;73(5):772-780.