ADOS Calibrated Severity Score
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonym: kalibrierter Schweregrad-Score
Englisch: ADOS calibrated severity score
Definition
Der ADOS Calibrated Severity Score, kurz ADOS-CSS, ist eine zehnstufige Maßzahl zur Einschätzung des Schweregrads autismusspezifischer Symptome. Er wird aus den Rohwerten der Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS) berechnet. Der ADOS-CSS macht den Schweregrad von Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) vergleichbar – weitgehend unabhängig von Lebensalter, Sprachniveau und verwendetem ADOS-Modul.
Hintergrund
Der Score wurde 2009 von Gotham, Pickles und Lord eingeführt und später in die überarbeitete Testversion ADOS-2 übernommen.[1]
Als Maß für den Schweregrad einer ASS wurde ursprünglich der ADOS-Gesamtrohwert – die Summe der diagnostischen Item-Werte aus den Bereichen Social Affect und Restricted and Repetitive Behaviors – herangezogen. Dieser Rohwert wird jedoch stark vom chronologischen Alter und vom sprachlichen Entwicklungsstand der untersuchten Person beeinflusst. Zudem verwenden die verschiedenen ADOS-Module unterschiedliche Aufgaben und Fragen, sodass Rohwerte nicht direkt zwischen Modulen vergleichbar sind. Ein Vergleich des Schweregrads zwischen unterschiedlichen Personen oder Altersgruppen war daher nur eingeschränkt möglich.[1] Der ADOS-CSS wurde entwickelt, um den Einfluss dieser Störgrößen zu reduzieren und einen modul- und altersübergreifend interpretierbaren Scorewert bereitzustellen.[2]
Berechnung
Die Ableitung des ADOS-CSS erfolgt nicht durch eine eigene Testung, sondern durch Umrechnung des vorhandenen ADOS-Gesamtrohwerts anhand publizierter Referenztabellen. Grundlage war ein Datensatz von 1.415 Personen im Alter von 2 bis 16 Jahren. Für die Kalibrierung wurden 1.807 Untersuchungen von 1.118 Personen mit ASS verwendet.[1] Das methodische Vorgehen umfasst:
- Einteilung der Stichprobe in eng gefasste Alters- und Sprachniveau-Zellen
- innerhalb jeder Zelle Zuordnung der Rohwerte zu einem Schweregradwert von 1 bis 10 auf Basis von Perzentilen
- Verankerung der Schweregradwerte an der ADOS-Klassifikation (Non-Spektrum, Autismus-Spektrum, Autismus) statt an der klinischen Diagnose
Für eine gegebene Kombination aus Modul, Alter und Sprachniveau wird der ADOS-Gesamtrohwert so einem kalibrierten Schweregradwert zugeordnet. Ursprünglich wurde der ADOS-CSS für die Module 1 bis 3 entwickelt. Später kamen im Rahmen der ADOS-2 standardisierte Schweregradwerte für das Toddler-Modul[3] sowie separate Domänen-Scores hinzu.[2]
Interpretation
Der ADOS-CSS wird auf einer Skala von 1 bis 10 angegeben, wobei höhere Werte einer ausgeprägteren Symptomatik entsprechen. Die Werte sind an die ADOS-Klassifikationsstufen gekoppelt:
| CSS-Wert | Zugeordnete Klassifikation | Bedeutung |
|---|---|---|
| 1–3 | Non-Spektrum | wenige bis keine ASS-Symptome |
| 4–5 | Autismus-Spektrum | leichte bis mäßige ASS-bezogene Symptomatik |
| 6–10 | Autismus | mäßige bis schwere Symptomatik |
Der ADOS-CSS ist – im Gegensatz zum Rohwert – über die diagnostischen Kategorien und Module hinweg gleichmäßiger verteilt und dadurch besser vergleichbar.[4]
Domänen-Scores
Da der Gesamtscore die Bereiche Social Affect und Restricted and Repetitive Behaviors zusammenfasst, wurden zusätzlich getrennte Domänen-Scores kalibriert: der SA-CSS und der RRB-CSS. Sie erlauben eine differenzierte Betrachtung der sozial-kommunikativen Beeinträchtigung einerseits und der repetitiven Verhaltensweisen andererseits und sind ebenfalls weniger von den Personenmerkmalen abhängig als die entsprechenden Rohwerte.[2]
Anwendung
Der CSS wird überwiegend in der Autismus-Forschung eingesetzt, etwa zur:
- Verlaufsbeurteilung der Symptomschwere über die Zeit, auch bei einem Modulwechsel im Rahmen der Entwicklung
- Vergleichbarkeit von Schweregraden zwischen unterschiedlichen Studien und Kohorten
- Phänotypisierung und Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Verhaltens- und neurobiologischen Merkmalen
- Beurteilung des Therapieansprechens
Die Validität und die verbesserte Vergleichbarkeit über Module und Zeitpunkte hinweg wurden in unabhängigen Stichproben bestätigt, unter anderem in einer niederländischen Kohorte[5] und bei Vorschulkindern.[6]
Limitationen
Der ADOS-CSS ist ein Schweregradmaß und ersetzt weder die ADOS-Klassifikation noch die klinische Diagnosestellung. Die Stabilität über 12 bis 24 Monate wurde in frühen Studien anhand von Gruppenmittelwerten als hoch beschrieben.[4] Neuere längsschnittliche Analysen relativieren dieses Bild: In der französischen ELENA-Kohorte war die individuelle Test-Retest-Stabilität des ADOS-CSS geringer als die des Rohwerts, und die Korrelationen mit einem externen Maß (Social Responsiveness Scale, SRS-2) fielen für den ADOS-CSS niedriger aus. Die Autoren schlussfolgern, dass die Kalibrierung zwar die modulbedingte Varianz reduziert, dabei aber das Messsignal verändert und die Sensitivität für individuelle Unterschiede und Verläufe herabsetzen kann.[7]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 Gotham K, Pickles A, Lord C. Standardizing ADOS scores for a measure of severity in autism spectrum disorders. J Autism Dev Disord. 2009;39(5):693-705.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Hus V, Gotham K, Lord C. Standardizing ADOS domain scores: separating severity of social affect and restricted and repetitive behaviors. J Autism Dev Disord. 2014;44(10):2400-2412.
- ↑ Esler AN et al. The Autism Diagnostic Observation Schedule, toddler module: standardized severity scores. J Autism Dev Disord. 2015;45(9):2704-2720.
- ↑ 4,0 4,1 Shumway S et al. The ADOS calibrated severity score: relationship to phenotypic variables and stability over time. Autism Res. 2012;5(4):267-276.
- ↑ de Bildt A et al. Standardized ADOS scores: measuring severity of autism spectrum disorders in a Dutch sample. J Autism Dev Disord. 2011;41(3):311-319.
- ↑ Wiggins LD et al. Brief report: the ADOS calibrated severity score best measures autism diagnostic symptom severity in pre-school children. J Autism Dev Disord. 2019;49(7):2999-3006.
- ↑ Peyre H, Baghdadli A. Investigating the ADOS-2 calibrated severity score: insights from the ELENA cohort. Front Child Adolesc Psychiatry. 2026;4:1674226.