Autogenes Training
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LoslegenSynonyme: AT, autogene Selbstentspannung
Englisch: autogenic training
Definition
Das autogene Training, kurz AT, ist ein Entspannungsverfahren, das auf autosuggestiven Formeln beruht. Es wurde in den 1920er-Jahren von dem deutschen Psychiater und Neurologen Johannes Heinrich Schultz (1884–1970) entwickelt.
Hintergrund
Das autogene Training geht auf Beobachtungen zur Hypnose zurück. Schultz stellte fest, dass Patienten in Hypnose regelhaft Schwere- und Wärmeempfindungen erleben, und leitete daraus ein Verfahren zur Selbstinduktion dieses Zustands ab. Er stellte es 1926 erstmals vor und veröffentlichte 1932 das Standardwerk "Das autogene Training".
Der Übende versetzt sich zunächst unter Anleitung, später selbstständig in eine sogenannte autogene Umschaltung – eine Verschiebung des vegetativen Gleichgewichts zugunsten des Parasympathikus. Klinisch zeigen sich Abnahme des Muskeltonus, periphere Vasodilatation sowie eine Senkung von Herz- und Atemfrequenz.
Das Verfahren gliedert sich in drei Stufen:
- Grundstufe: sechs standardisierte Übungen zur vegetativen Umschaltung
- Mittelstufe: formelhafte Vorsatzbildung mit individuell formulierten Zielsätzen
- Oberstufe: autogene Meditation mit imaginativen Elementen
In der ambulanten Versorgung wird nahezu ausschließlich die Grundstufe eingesetzt.
Grundstufe
Der Übung vorangestellt ist die Ruhetönung (z.B. "Ich bin ganz ruhig"). Darauf folgen die sechs Standardübungen:
| Übung | Formel (Beispiel) | Physiologisches Korrelat |
|---|---|---|
| Schwereübung | Arme und Beine sind ganz schwer | Abnahme des Muskeltonus |
| Wärmeübung | Arme und Beine sind strömend warm | periphere Vasodilatation |
| Herzübung | Das Herz schlägt ruhig und regelmäßig | Abnahme der Herzfrequenz |
| Atemübung | Die Atmung ist ruhig und gleichmäßig | Vertiefung und Verlangsamung der Atmung |
| Sonnengeflechtsübung | Das Sonnengeflecht ist strömend warm | Durchblutungssteigerung im Splanchnikusgebiet |
| Stirnkühleübung | Die Stirn ist angenehm kühl | Vasokonstriktion im Kopfbereich, Erhalt der Wachheit |
Die Übungen werden im Liegen oder im Sitzen in der Droschkenkutscherhaltung durchgeführt. Für Anfänger werden mehrere kurze Einheiten von 2 bis 5 Minuten täglich empfohlen, Fortgeschrittene üben 10 bis 15 Minuten. Jede Einheit endet mit der Rücknahme (Arme fest – tief atmen – Augen auf), die den vegetativen Ausgangszustand wiederherstellt.
Indikationen
Das autogene Training wird überwiegend adjuvant eingesetzt bei:
- Angststörungen und allgemeinen Spannungszuständen
- Insomnie
- funktionellen Körperbeschwerden, insbesondere Reizdarmsyndrom
- Spannungskopfschmerz und Migräne
- leichter arterieller Hypertonie
- Stressfolgeerkrankungen im Rahmen der Prävention
Als alleinige Therapie ist das Verfahren bei manifesten psychischen Erkrankungen nicht ausreichend.
Kontraindikationen
Kontraindikationen sind:
- akute Psychosen und Schizophrenie
- akute Suizidalität
- schwere depressive Episoden mit psychomotorischer Hemmung
- dissoziative Störungen
Relative Kontraindikationen bestehen bei somatoformen Störungen, Hypochondrie und Borderline-Persönlichkeitsstörung, da die geforderte Körperselbstbeobachtung die Symptomatik verstärken kann.[1] Bei kardialer Hypochondrie sollte die Herzübung ausgelassen werden, da sie die Fokussierung auf die Herzaktion verstärkt.
Nebenwirkungen
Während des Übens können autogene Symptome auftreten – unwillkürliche motorische, sensorische oder affektive Phänomene wie Muskelzuckungen, Kribbelparästhesien, Tränenfluss oder plötzliche Emotionsdurchbrüche. Sie sind in der Regel harmlos und selbstlimitierend. Selten kommt es zu einer paradoxen Angstzunahme unter Entspannung.[1]
Wirksamkeit
Eine Metaanalyse von 60 kontrollierten Studien ergab mittlere bis große Effektstärken für krankheitsspezifische Zielgrößen im Prä-post-Vergleich und mittlere Effektstärken gegenüber Kontrollbedingungen.[2] Für chronische Schmerzsyndrome zeigte eine Metaanalyse von 13 randomisierten kontrollierten Studien mit 576 Teilnehmern einen moderaten positiven Effekt gegenüber passiven Kontrollgruppen.[3]
Im Vergleich mit anderen psychologischen Interventionen, etwa der progressiven Muskelrelaxation, ließ sich in beiden Analysen kein Unterschied nachweisen. Die methodische Qualität der Primärstudien ist insgesamt eingeschränkt.
Abrechnung
In Deutschland kann das autogene Training von Vertragsärzten und Psychotherapeuten mit entsprechender Abrechnungsgenehmigung über folgende Gebührenordnungspositionen des EBM abgerechnet werden (z.B. 35111 - 35113).
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Breznoscakova D, Kovanicova M, Sedlakova E, Pallayova M. Autogenic Training in Mental Disorders: What Can We Expect?. Int J Environ Res Public Health. 2023;20(5):4344.
- ↑ Stetter F, Kupper S. Autogenic training: a meta-analysis of clinical outcome studies. Appl Psychophysiol Biofeedback. 2002;27(1):45-98.
- ↑ Kohlert A, Wick K, Rosendahl J. Autogenic Training for Reducing Chronic Pain: a Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. Int J Behav Med. 2022;29(5):531-542.