Überdiagnose-Bias
Englisch: overdiagnosis bias
Definition
Der Überdiagnose-Bias bezeichnet die Erkennung von Erkrankungen oder Erkrankungsvorstufen durch Screening oder intensive Diagnostik, die ohne diese Maßnahmen klinisch niemals symptomatisch geworden wären. Daher hätten sie auch keinen Einfluss auf die Morbidität oder Mortalität gehabt.
Abgrenzung
Epidemiologisch ist der Überdiagnose-Bias von anderen Screening-Verzerrungen abzugrenzen, insbesondere vom
- Lead-Time-Bias (Vorlaufzeit-Verzerrung): Scheinbar verlängerte Überlebenszeit durch Vorverlagerung des Diagnosezeitpunkts
- Length-Time-Bias (Länge/Zeit-Verzerrung): Scheinbar verlängerte Überlebenszeit durch überwiegende Entdeckung asymptomatischer, langsam fortschreitender Fälle, während schnell verlaufende Fälle seltener entdeckt werden
Die Begriffe "Überdiagnose-Bias" und "Length-Time-Bias" werden in der deutschsprachigen Literatur fälschlicherweise oft synonym verwendet. Der Unterschied besteht darin, dass beim Length-Time-Bias die Zusammensetzung der im Screening entdeckten Fälle verzerrt ist, während beim Überdiagnose-Bias die Anzahl der im Screening entdeckten Fälle verzerrt ist.
Hintergrund
Der Effekt tritt besonders in Screeningprogrammen auf, etwa beim Mammakarzinom- oder Prostatakarzinom-Screening. Dabei werden Patienten entdeckt und therapiert, obwohl die Erkrankung ohne Intervention asymptomatisch geblieben wäre. Dies kann zu unnötigen Behandlungen, erhöhter psychischer Belastung sowie zu vermeidbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen.
Beispiel
In der Mammographie entdeckt man ein kleines, langsam wachsendes Mammakarzinom, das lebenslang asymptomatisch geblieben wäre. Die Patientin wird operiert und bestrahlt, obwohl die Erkrankung nie Probleme verursacht hätte.