Subjektive visuelle Vertikale
Trainier deine Lernmuskeln!
Mit Flash Cards, Quiz und mehr
LoslegenSynonyme: SVV-Test, Bucket-Test, Eimer-Methode
Englisch: subjective visual vertical
Definition
Die subjektive visuelle Vertikale, kurz SVV, bezeichnet die subjektive Ausrichtung der Erdvertikalen. Ihre Bestimmung ist ein klinischer Test zur Untersuchung der utrikulären Wahrnehmung der Gravitationsrichtung. Dabei wird geprüft, wie gut ein Patient eine Linie ohne visuelle Referenzpunkte an der tatsächlichen Erdvertikalen ausrichten kann. Die Abweichung von der wahren Vertikalen (0°) liefert Hinweise auf eine vestibuläre Tonusasymmetrie in der Rollebene.
Hintergrund
Die Wahrnehmung der Vertikalen entsteht physiologisch durch die Integration von utrikulären, visuellen und propriozeptiven Informationen. Fällt die utrikuläre oder zentral-vestibuläre Verarbeitung asymmetrisch aus, kommt es zu einer systematischen Fehleinschätzung der subjektiv wahrgenommenen Vertikalen. Der Patient richtet eine Linie "schief" aus, obwohl er sie subjektiv für senkrecht hält. Die SVV-Kippung ist ein sensitives klinisches Zeichen einer vestibulären Tonusasymmetrie in der Rollebene.[1]
Aufbau
Für die Messung existieren mehrere Testvarianten unterschiedlicher Komplexität:
- Eimer-Methode ("Bucket Test"): Einfaches, kostengünstiges Verfahren mit einem gewöhnlichen Eimer, an dessen Innenboden eine gerade Linie sichtbar ist. Auf der Außenseite des Bodens befinden sich, nur für den Untersucher sichtbar, ein Lot und ein Winkelmesser zur Ablesung der Abweichung. Der Patient schaut in den Eimer, wodurch periphere visuelle Anhaltspunkte (Raumkanten, Möbel) ausgeblendet werden.[1]
- Hemisphärische Kuppel ("Dome"): Motorisierte Halbkugel mit zufällig verteilten, farbigen Punkten als Sichtfeld, in der ein frei drehbarer Balken auf vertikal eingestellt wird. Historisch häufig verwendete apparative Methode, jedoch aufwendig und teuer.[1]
- Kopfmontierte/computergestützte Systeme: Sichtfeldmaske mit Bildschirm, Linie wird per Joystick oder Tastatur ausgerichtet; zunehmend auch als Virtual-Reality-Anwendung verfügbar.[2]
- Roll-Plane-Paradigma mit Kopfneigung: Erweiterung um Messungen bei Kopfneigung (z.B. ±15°, ±30°) zur Steigerung der Sensitivität für otolithäre Funktionsstörungen.[3]
Durchführung
Die Untersuchung erfolgt in folgenden Schritten:
- Der Patient sitzt aufrecht, die periphere Sicht wird durch Eimer, Kuppel oder Maske ausgeschaltet.
- Der Untersucher lenkt die Linie zufällig aus der Vertikalen aus (bei der Eimer-Methode durch Drehen des Eimers).
- Der Patient wird gebeten, die Linie so lange zu drehen bzw. verbal zu korrigieren, bis sie ihm senkrecht erscheint.
- Der Vorgang wird mehrfach wiederholt (üblich sind etwa 6–10 Durchgänge). Die Untersuchung erfolgt meist binokular. Bei bestimmten Fragestellungen kann zusätzlich monokular getestet werden.[1]
- Aus den Einzelmessungen wird der Mittelwert der Abweichung berechnet. Bei Verdacht auf eine unilaterale vestibuläre Funktionsstörung sollten Ausgangsstellungen zu beiden Seiten der Vertikalen dokumentiert werden.
Optional kann die Messung zusätzlich mit Kopfneigung in der Rollebene, im Liegen, dynamisch unter Bewegung oder unter Zentrifugation erfolgen.
Interpretation
Bei der Eimer-Methode liegen die Abweichungen bei Gesunden im Mittel unter 1° (binokular 0,9 ± 0,7°, monokular 1,1 ± 0,7°).[1] Abweichungen von mehr als etwa 2° bis 2,5° gelten als pathologisch.[4] Kopfmontierte Systeme verwenden eigene, geräteabhängige Normwerte.
Bei peripheren vestibulären Läsionen (z.B. Neuritis vestibularis, akute unilaterale Vestibulopathie) sind pathologische SVV-Kippungen ein häufiges und sensibles klinisches Zeichen einer einseitigen Störung der gravizeptiven Bahnen. Die Abweichung erfolgt dabei ipsilateral zur betroffenen Seite.[5] Nach akuter unilateraler Deafferenzierung wurden Abweichungen von im Mittel 11 ± 6° zur ipsilateralen Seite beschrieben.[4]
Die Richtung der SVV-Kippung kann bei Hirnstammläsionen Hinweise auf die Lokalisation der Läsion geben. Bei Läsionen der unteren Medulla wurden überwiegend ipsiversive, bei höheren, pontomesenzephalen Läsionen auch kontralaterale Kippungen beschrieben.[5]
Thalamus- und Kortexläsionen (posterolateraler Thalamus, parietoinsulärer vestibulärer Kortex) können sowohl ipsi- als auch kontralaterale Abweichungen verursachen. In der Regel sind sie geringer ausgeprägt als bei Hirnstamm- oder peripheren Läsionen.[5]
Limitationen
Der Test ist nicht bei jeder vestibulären Erkrankung gleich sensitiv. Nach operativer Versorgung eines Bogengangsdehiszenz-Syndroms zeigten die meisten Patienten postoperativ normale SVV-Werte.[6] Bei der persistierenden postural-perzeptiven Schwindelerkrankung (PPPD) ist die konventionelle SVV in aufrechter Kopfhaltung meist unauffällig. Die Kopf-Roll-Tilt-SVV (HT-SVV) kann hier dagegen eine spezifische Auffälligkeit im Sinne einer erhöhten Kopf-Tilt-Wahrnehmungsverstärkung zeigen, ist bislang jedoch kein etablierter diagnostischer Test.[7]
Klinische Bedeutung
Die SVV weist eine Tonusasymmetrie der gravizeptiven Bahnen nach, erlaubt für sich genommen jedoch keine zuverlässige Differenzierung zwischen einer peripheren und einer zentralen Läsion. Ein einzelner SVV-Befund – ob pathologisch oder unauffällig – kann eine solche Läsion daher weder sicher bestätigen noch ausschließen und ist stets im Kontext der übrigen klinischen und bildgebenden Befunde zu werten. Bei begleitenden okulomotorischen Symptomen kann der Vergleich von monokularer und binokularer Testung zusätzliche differentialdiagnostische Hinweise liefern. Eine nur monokular, nicht aber binokular nachweisbare SVV-Kippung spricht eher für eine periphere Trochlearis- oder Okulomotoriusparese als für eine supranukleäre Hirnstammläsion.[1][8]
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Zwergal A, Rettinger N, Frenzel C, Dieterich M, Brandt T, Strupp M. A bucket of static vestibular function. Neurology. 2009;72(19):1689-1692.
- ↑ Negrillo-Cárdenas J, Rueda-Ruiz AJ, Ogayar-Anguita CJ, et al. A System for the Measurement of the Subjective Visual Vertical using a Virtual Reality Device. J Med Syst. 2018;42:124.
- ↑ Jäger FI, Platho-Elwischger K, Wiest G. Assessment of Static Graviceptive Perception in the Roll-Plane using the Subjective Visual Vertical Paradigm. J Vis Exp. 2020;(158):10.3791/60418.
- ↑ 4,0 4,1 Böhmer A, Mast F. Assessing otolith function by the subjective visual vertical. Ann N Y Acad Sci. 1999;871:221-231.
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Dieterich M, Brandt T. Perception of Verticality and Vestibular Disorders of Balance and Falls. Front Neurol. 2019;10:172.
- ↑ Janky KL, Zuniga MG, Carey JP, Schubert M. Balance dysfunction and recovery after surgery for superior canal dehiscence syndrome. Arch Otolaryngol Head Neck Surg. 2012;138(8):723-730.
- ↑ Yagi C, Morita Y, Kitazawa M, et al. Head Roll-Tilt Subjective Visual Vertical Test in the Diagnosis of Persistent Postural-Perceptual Dizziness. Otol Neurotol. 2021;42(10):e1618-e1624.
- ↑ Brandt T, Dieterich M. Vestibular syndromes in the roll plane: topographic diagnosis from brainstem to cortex. Ann Neurol. 1994;36(3):337-347.