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Medizinanthropologie

Synonym: Medizinethnologie
Englisch: medical anthropology

1 Definition

Die Medizinanthropologie ist ein Teilbereich der Sozial- und Kulturanthropologie. Sie beschäftigt sich mit Medizin als kultureller Form und untersucht dabei, wie medizinisches Wissen und medizinische Praxis aus gesellschaftlichen Strukturen, Prozessen und Beziehungen hervorgehen und in der Folge individuelles Bewusstsein und Verhalten prägen.[1]

In der Vergangenheit untersuchte die Medizinanthropologie vor allem die Medizinsysteme außereuropäischer Gesellschaften. Seit einigen Jahrzehnten wendet sich die medizinanthropologische Forschung verstärkt der Biomedizin zu.

2 Fachgeschichtlicher Abriss

Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten, die Heilung und Medizin als kulturelle Formen begriffen haben, stammen aus der Religionsethnologie. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wandten sich dann verstärkt Ethnologen, die zugleich auch Ärzte waren (wie W. H. Rivers, C. Forrest oder E. A. Ackerknecht), nun auch schwerpunktmäßig den Medizinsystemen sogenannter "primitiver Gesellschaften" zu.[2] Diese Art der Auseinandersetzung lief lange Zeit unter dem Namen "Ethnomedizin" und war, so die spätere Kritik, von der eurozentrischen Grundhaltung geprägt, "traditionelle Heilkunst" von der Biomedizin als wissenschaftlichem und vermeintlich kulturneutralem Standard grundsätzlich zu unterschieden und abzugrenzen. Diese Abgrenzung war nicht ausschließlich abwertend, sondern ging zuweilen auch mit einer starken Romantisierung der ethnomedizinischen Heilsysteme und einer Kritik an der Biomedizin einher.

Seit den 1970er Jahren widmet sich medizinanthropologische Forschung verstärkt auch der Auseinandersetzung mit der Biomedizin und beteiligt sich z.B. an Debatten zu Fragen des Public Health[3] , der Migrantenmedizin[4] oder der Genetik[5]. Eine der Biomedizin kritisch gegenüber stehende Strömung innerhalb der Medizinanthropologie ist die Critical Medical Anthropology. Sie weist vor allem auf die enge Beziehung zwischen Biomedizin und Kapitalismus hin.

3 Disziplinäre Verortung der Medizinanthropologie in Deutschland

In Deutschland ist die Medizinanthropologie bisher in der medizinischen Aus- und Weiterbildung kaum vertreten. Die "AG Ethnomedizin" gibt die deutschsprachige Zeitschrift "Curare" heraus und veranstaltet jährlich Fachtagungen.[6] Die Internetseite der Arbeitsgruppe "Medical Anthropology" der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde bietet zudem einen Überblick über regelmäßige Lehrveranstaltungen und gibt Literaturempfehlungen zu ausgewählten Themen.[7]

4 Quellen

  1. Cerwonka, Allaine; Liisa H. Malkki (2007): Improvising Theory : Process and Temporality in Ethnographic Fieldwork. Chicago, London: University of Chicago Press
  2. Greifeld, Katharina (1995): Einführung in die Medizinethnologie. In: Bichmann, Wolfgang; Greifeld, Katarina; Pfleiderer, Beatrix (Hg.): Ritual und Heilung. Eine Einführung in die Ethnomedizin. Berlin: Reimer. S. 11-31.
  3. Farmer, Paul; Kim, Jim Yong; Kleinman, Arthur; Basilico, Matthew (2013): Reimagining global health. An introduction. Berkeley: University of California Press
  4. Bashford, Alison (Hg.) (2006): Medicine at the border. Disease, globalization and security, 1850 to the present. New York: Palgrave Macmillan.
  5. Lock, Margaret M.; Nguyen, Vinh-Kim (2010): An anthropology of biomedicine. Chichester: Wiley-Blackwell.
  6. http://www.agem-ethnomedizin.de/
  7. http://www.medicalanthropology.de/

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Fachgebiete: Gesundheitswesen

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