Massensuizid
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LoslegenSynonym: Massenselbsttötung
Englisch: mass suicide, collective suicide
Definition
Ein Massensuizid ist die zeitlich und räumlich eng zusammenhängende Selbsttötung mehrerer Menschen, die einen sozialen, ideologischen oder situativen Kontext aufweisen.
Eine allgemein anerkannte Mindestzahl von Beteiligten existiert nicht. Der Begriff hat keine einheitliche wissenschaftliche Definition und bezeichnet kein eigenständiges psychiatrisches Krankheitsbild, sondern ein seltenes sozialpsychologisches Phänomen.
Hintergrund
Die Ursachen von Massensuiziden sind heterogen. Eine Rolle können unter anderem Gruppendynamik, sozialer Konformitätsdruck, autoritäre oder charismatische Führung, gemeinsame religiöse oder ideologische Überzeugungen sowie existenzielle Bedrohungssituationen spielen. Auch Angst, Krieg, Verfolgung und gesellschaftlicher Zusammenbruch begünstigen entsprechende Ereignisse.
Die Bezeichnung „Massensuizid“ kann problematisch sein, da nicht zwangsläufig alle Beteiligten freiwillig sterben. Vor allem bei starkem Zwang, der Tötung von Kindern oder anderen Gruppenmitgliedern ist die Bezeichnung Massenmord-Suizid bzw. mass murder-suicide häufig präziser.
Historische Beispiele
Jonestown
Eines der bekanntesten Beispiele ereignete sich am 18. November 1978 in der Siedlung Jonestown in Guyana. Dort lebten Mitglieder der von Jim Jones geführten Religionsgemeinschaft Peoples Temple. Nach der Ermordung des US-Kongressabgeordneten Leo Ryan und weiterer Personen auf einem nahegelegenen Flugplatz ordnete Jones den Tod der Gemeinschaft an.
In Jonestown starben mehr als 900 Menschen, darunter über 200 Kinder.[1] Das Ereignis wurde lange als klassischer Massensuizid bezeichnet. Diese Einordnung greift jedoch zu kurz: Kinder konnten keine entsprechende Entscheidung treffen, und bei Erwachsenen bestanden teilweise erheblicher psychischer und physischer Zwang. Das Federal Bureau of Investigation (FBI) bezeichnet die Ereignisse daher als „mass murder/suicide“.
Demmin 1945
Zu einem Massensuizid unter völlig anderen Umständen kam es während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Demmin in Vorpommern. Zwischen Ende April und Anfang Mai 1945 töteten sich innerhalb weniger Tage mehrere hundert Menschen.[2] Die genaue Opferzahl lässt sich nicht mehr sicher feststellen. Zeitgenössische Dokumente nennen über 700 Tote, während spätere Schätzungen teilweise von etwa 900 bis 1.000 Betroffenen ausgehen.
Die Ursachen waren vielschichtig. Zu ihnen gehörten die durch nationalsozialistische Propaganda und Flüchtlingsberichte verstärkte Angst vor der heranrückenden Roten Armee, der Zusammenbruch der nationalsozialistischen Ordnung sowie Verzweiflung und Scham. Gleichzeitig kam es nach dem Einmarsch tatsächlich zu Plünderungen und zahlreichen sexuellen Gewalttaten.
Anders als in Jonestown gab es in Demmin keine zentrale Anordnung oder gemeinsame Organisation der Todesfälle. Vielmehr entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit eine von Angst und Gruppendynamik geprägte Welle von Selbsttötungen. Da auch zahlreiche Kinder von ihren Eltern getötet oder in den Tod mitgenommen wurden, beschreibt der Begriff „Massensuizid“ auch hier nur einen Teil des Geschehens.
Abgrenzung
Ein Massensuizid ist nicht mit einem Suizidcluster gleichzusetzen. Ein Suizidcluster bezeichnet aus epidemiologischer Sicht eine unerwartete Häufung von Suiziden oder Suizidversuchen in zeitlicher und/oder räumlicher Nähe. Eine gemeinsame Entscheidung oder direkte Koordination der Betroffenen ist dabei nicht erforderlich.
Die CDC unterscheidet unter anderem räumlich und zeitlich begrenzte point clusters sowie zeitlich begrenzte, geografisch verteilte mass clusters. Letzterer Begriff darf trotz der ähnlichen Bezeichnung nicht mit einem Massensuizid im oben beschriebenen Sinn verwechselt werden.
Weblink
- Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention – Hilfsangebote
Quellen
- ↑ Federal Bureau of Investigation: Jonestown, abgerufen am 09.09.2026
- ↑ Buchsteiner und Bösefeldt (Hrsg.), Der Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“ – Impulse für historisches Lernen in der Sekundarstufe I und II, S. 4, abgerufen am 09.09.2026
Literatur
- Mancinelli I, Comparelli A, Girardi P, Tatarelli R: Mass Suicide: Historical and Psychodynamic Considerations. Suicide and Life-Threatening Behavior. 2002
- Federal Bureau of Investigation (FBI): Jonestown
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Über Leben in Demmin – Impulse für historisches Lernen
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Guidelines for Reporting a Suicide Cluster