Kurzschaft ist nicht gleich Kurzschaft: Warum die Verankerungsphilosophie entscheidend ist
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Englisch: short femoral stem
Definition
Kurzschaftprothesen der Hüfte sind gegenüber konventionellen Femurschäften verkürzte Implantatkomponenten der Hüftendoprothetik, deren Konstruktionen unterschiedliche Verankerungs- und Krafteinleitungskonzepte verfolgen.
Kurzschaft ist nicht gleich Kurzschaft: warum die Verankerungsphilosophie entscheidend ist
Kurzschaftprothesen der Hüfte werden häufig als gemeinsame Implantatgruppe diskutiert. Dabei können sich Konstruktion, Krafteinleitung und operative Strategie erheblich unterscheiden. Wer Ergebnisse sinnvoll vergleichen und die Versorgung individuell planen will, muss deshalb genauer auf die Verankerung schauen.
Von Prof. Dr. med. Karl Philipp Kutzner, ENDOPROTHETICUM Rhein-Main, Mainz
Was sagt „Kurzschaftprothese“ tatsächlich aus?
„Wir verwenden eine Kurzschaftprothese.“
Für eine Beschreibung des Implantats mag das zunächst genügen. Für eine fachliche Diskussion der Versorgung bleibt jedoch eine entscheidende Frage offen: Wo und wie wird dieser Schaft im Femur stabilisiert?
Genau an diesem Punkt beginnt für mich die differenzierte Betrachtung der Kurzschaftendoprothetik. Der Sammelbegriff ist praktisch. Als biomechanische Beschreibung ist er unvollständig.
Unter Kurzschaftprothesen werden unterschiedliche femorale Implantate zusammengefasst. Sie unterscheiden sich unter anderem im Erhalt des Schenkelhalses, in ihrer Geometrie und in den vorgesehenen Verankerungszonen. Eine einheitliche Beurteilung allein anhand der Schaftlänge greift deshalb zu kurz.[1]
Auch das Knochenremodelling ist implantatspezifisch. Ein kurzer Schaft führt nicht automatisch zu einer ausschließlich proximalen Krafteinleitung oder verhindert zwangsläufig ein Stress Shielding. Die Übersichtsarbeit von Loppini und Grappiolo beschreibt diese Heterogenität ausdrücklich.[1]
Meine Konsequenz daraus: Wenn wir über eine Kurzschaftprothese sprechen, sollten wir das Implantatkonzept und die tatsächlich erreichte Fixation mitbenennen.
Calcar-geführte Kurzschäfte: Positionierung gehört zum Konzept
Bei calcar-geführten Kurzschaftprothesen orientiert sich die Implantation an der medialen Krümmung des proximalen Femurs. Die sogenannte Round-the-corner-Technik erlaubt die Einführung entlang des Calcars.[2]
Dabei hat die Höhe der Schenkelhalsosteotomie wesentlichen Einfluss auf die Schaftausrichtung. Eine höhere Resektion kann eine Varusposition begünstigen, eine tiefere Resektion eine neutralere oder valgischere Positionierung. Dadurch lassen sich unterschiedliche anatomische Verhältnisse und das femorale Offset berücksichtigen.[2]
Das bedeutet auch: Die Beurteilung der Schaftposition muss zum verwendeten Konzept passen. Eine gewollte Varusposition eines dafür vorgesehenen calcar-geführten Schaftes ist anders einzuordnen als eine unbeabsichtigte Fehlpositionierung.
Geplante Ausrichtung, Rekonstruktion der Hüftgeometrie und sichere Abstützung müssen gemeinsam beurteilt werden.
Gleicher Implantatname, unterschiedliche Verankerung
Innerhalb eines calcar-geführten Versorgungskonzepts kann sich die Verankerung je nach Anatomie und Schaftausrichtung verändern. Möglich sind eine metaphysäre Fixation sowie eine zusätzliche oder überwiegende diaphysäre Verankerung.[3]
Um diese Strategien systematisch zu beschreiben, habe ich die 2025 in Hip International veröffentlichte Kutzner-Klassifikation entwickelt:[3]
| Typ | Verankerungsstrategie |
|---|---|
| I – M | metaphysär |
| II – MD | metadiaphysär |
| III – D | diaphysär |
| IV – C | zementiert |
Diese Einteilung bezieht sich auf calcar-geführte Kurzschaftversorgungen. Sie ist keine allgemeine Klassifikation aller Kurzschaftmodelle.
Der Gedanke dahinter ist ein praktischer: Die angestrebte Verankerung soll bereits vor der Operation bewusst festgelegt werden. Die Publikation formuliert die metaphysäre Fixation als anzustrebendes Prinzip, sofern sie unter den individuellen Voraussetzungen möglich ist.[3]
Daraus ergibt sich keine Rangfolge, nach der für jeden Patienten dieselbe Strategie richtig wäre. Entscheidend bleibt die zur Anatomie und Knochenqualität passende stabile Versorgung.
Die Planung beginnt vor der Wahl der Schaftgröße
Für meine fachliche Einordnung stehen vor der Implantation drei Fragen im Vordergrund:
- Welche Hüftgeometrie soll rekonstruiert werden?
- Welche Abstützung soll die Primärstabilität gewährleisten?
- Woran wird intraoperativ überprüft, ob dieses Ziel erreicht wurde?
Die präoperative Planung umfasst bei calcar-geführten Kurzschäften insbesondere Resektionshöhe, Ausrichtung, Größe, Offset und Beinlänge. Diese Parameter beeinflussen sich gegenseitig.[2]
Eine auf dem Plan überzeugende Rekonstruktion muss sich intraoperativ auch stabil umsetzen lassen. Die Implantation hat eine eigene Lernkurve. Insbesondere Unterdimensionierung und unzureichende Abstützung verdienen Aufmerksamkeit. Intraoperative Bildgebung kann helfen, solche Probleme zu erkennen.[4]
Für mich gehört deshalb zur Kurzschaftkompetenz auch die Bereitschaft, eine geplante Strategie zu ändern, wenn sich ihre Voraussetzungen während der Operation nicht bestätigen.
Knochensparend: ein Ziel, das präzise beschrieben werden muss
Calcar-geführte Kurzschaftkonzepte verfolgen unter anderem den Erhalt von Knochen und die Schonung trochanternaher Weichteilstrukturen. Hinzu kommt die Möglichkeit einer individuellen Rekonstruktion der Anatomie.[4]
Diese Ziele sollten in der Diskussion getrennt betrachtet werden: Schenkelhalserhalt, Schonung des Trochanterbereichs und proximale Krafteinleitung beschreiben unterschiedliche Aspekte der Versorgung.
Gerade deshalb halte ich die pauschale Aussage „Kurzschaft ist knochensparend“ für erklärungsbedürftig. Hilfreicher ist die konkrete Beschreibung, welche Strukturen durch das jeweilige Konzept erhalten werden sollen und welche Fixation tatsächlich umgesetzt wird.
Was zeigen die Registerdaten?
Eine 2025 veröffentlichte multinationale Registerstudie untersuchte 15.771 Kurzschaftversorgungen und eine mittels Propensity-Score-Matching ausgewählte Vergleichsgruppe mit 31.542 Standardschaftversorgungen.[5]
Die kumulative Revisionsrate nach zwölf Jahren betrug 4,7 % bei Kurzschaft- und 5,1 % bei Standardschaftversorgungen. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Bei einer ersten Schaftrevision wurde nach primärer Kurzschaftversorgung häufiger ein Standardschaft eingesetzt.[5]
Das sind relevante Ergebnisse. Sie belegen jedoch weder die Überlegenheit aller Kurzschäfte noch die Gleichwertigkeit jedes einzelnen Modells. Die Studie ist eine Beobachtungsanalyse; Patientenauswahl, Implantatmix und Unterschiede zwischen den Registern müssen bei der Interpretation berücksichtigt werden.[5]
Für die Diskussion konkreter Implantate bedeutet das: Gruppendaten sollten durch implantatspezifische Ergebnisse ergänzt werden. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Verankerungskonzepte in einer Untersuchung überhaupt zusammengefasst wurden.
Patientenselektion und Kontraindikationen
Für calcar-geführte Kurzschaftprothesen wird eine ausreichende Knochenqualität mit intaktem proximalem Femur gefordert; als geeignete Morphologie gelten vor allem Dorr-Typ A und B. [6] [7]
Als relativ oder absolut ungünstig gelten insbesondere ausgeprägte Deformitäten des proximalen Femurs, Coxa vara, stark dysplastische Schenkelhalsanatomie mit hoher Antetorsion, breite und kurze Schenkelhälse sowie eine unzureichende metaphysäre Knochenqualität. [7] [6]
Von einer Kurzschaftversorgung beziehungsweise von einem zementfreien calcar-geführten Fixationskonzept sollte außerdem abgesehen werden bei Osteoporose, infektiösen Situationen, schweren neurologischen Störungen, ausgeprägtem Knochenverlust oder knöcherner Voroperation am proximalen Femur. [8] [9]
Auch eine intraoperativ nicht ausreichende Primärstabilität, eine Fehlposition mit zu tiefer Schaftlage unterhalb der Osteotomie oder eine Unterdimensionierung sprechen gegen das vorgesehene Verankerungskonzept und erfordern gegebenenfalls den Wechsel auf ein anderes Implantat. [7] [6]
Welche Angaben ich mir in der Kurzschaftdiskussion wünsche
Wenn wir Kurzschaftprothesen vergleichen, würde ich künftig konsequenter folgende Informationen einfordern:
- das konkrete Implantat und sein Verankerungskonzept,
- die anatomischen Voraussetzungen und Knochenqualität,
- die angestrebte und erreichte Schaftausrichtung,
- die tatsächlich genutzten Verankerungszonen,
- die implantatspezifischen Ergebnisse mit ihrer Nachbeobachtungsdauer.
Damit wird aus einer Diskussion über Implantatlängen eine Diskussion über die Qualität der Versorgung.
Mein Maßstab ist deshalb: Eine Kurzschaftprothese muss als Teil einer geplanten, anatomiegerechten und stabilen Hüftrekonstruktion beurteilt werden. Die Verankerungsphilosophie gehört in diese Beurteilung – von der Planung bis zur Interpretation der Ergebnisse.
Welche Verankerungsstrategie dokumentieren Sie bei calcar-geführten Kurzschaftprothesen in Ihrem eigenen Vorgehen?
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Loppini und Grappiolo, Uncemented short stems in primary total hip arthroplasty: The state of the art, EFORT Open Rev., 2018
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Kutzner und Pfeil, Individualized Stem-positioning in Calcar-guided Short-stem Total Hip Arthroplasty, J Vis Exp., 2018
- ↑ 3,0 3,1 3,2 Kutzner, Same same but different: Introduction of a classification system in calcar-guided short-stem total hip arthroplasty, Hip Int., 2025
- ↑ 4,0 4,1 Kutzner, Calcar-guided short-stem total hip arthroplasty: Will it be the future standard? Review and perspectives, World J Orthop., 2021
- ↑ 5,0 5,1 5,2 Rilby et al., Do Cumulative Revision Rate and First-time Re-revision Rate Vary Between Short and Standard Femoral Stem Lengths? A Multinational Registry Study, Clin Orthop Relat Res., 2025
- ↑ 6,0 6,1 6,2 Calcar-guided short-stem total hip arthroplasty, abgerufen am 31.10.2026
- ↑ 7,0 7,1 7,2 Yildirim, Patient selection for shorter femoral stems, PubMed, 2015
- ↑ One-stage bilateral implantation of a calcar-guided short-stem in total hip arthroplasty, abgerufen am 31.10.2026
- ↑ Very early migration of a calcar-guided short stem, abgerufen am 31.10.2026