FlexiEssay: Ultraschalltherapie bei chronischen Wunden – Potenzial und Evidenz
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Die Anzahl der Patienten mit chronischen Wunden nimmt stetig zu. Ursachen sind meist multifaktoriell: vaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus, Druckbelastung oder immunologische Faktoren beeinflussen das Wundmilieu und führen zu einer gestörten Heilungsdynamik. Chronische Wunden heilen verzögert oder persistieren über Monate, häufig begleitet von Hypoxie, Biofilmbildung und einer dysregulierten Entzündungsreaktion. Vor diesem Hintergrund rücken ergänzende physikalische Therapieverfahren wie die Ultraschallbehandlung zunehmend in den Fokus.
Wirkmechanismen des Ultraschalls in der Wundtherapie
Ultraschall besteht aus mechanischen Schallwellen oberhalb des hörbaren Frequenzbereichs. Seine biologischen Effekte entstehen durch die Wechselwirkung mit dem jeweiligen Transmissionsmedium. In der Wundtherapie kommt überwiegend niederfrequenter Ultraschall zum Einsatz, der über den reziproken piezoelektrischen Effekt erzeugt wird. Wie in der physikalisch-medizinischen Literatur beschrieben, lassen sich die Wirkmechanismen in mechanische, thermische und nichtthermische Effekte unterteilen. Besonders relevant sind dabei mechanoakustische Prozesse, die zu einer Verbesserung der lokalen Mikrozirkulation, zur Stimulation zellulärer Aktivität sowie zur Modulation inflammatorischer Prozesse führen können. Ein zentrales Phänomen ist die Kavitation. Hierbei entstehen durch wechselnde Druck- und Zugkräfte kleinste Gasbläschen im Flüssigkeitsmilieu der Wunde. Diese können stabil oszillieren oder transient kollabieren. Durch die dabei entstehenden Mikroscherkräfte werden Beläge gelockert, Biofilme mechanisch beeinflusst und Zellprozesse stimuliert. Experimentelle Untersuchungen beschreiben eine verbesserte Sauerstoffdiffusion sowie eine Erhöhung des Sauerstoffpartialdrucks (pO₂) im Wundareal. Theoretisch ergibt sich daraus ein plausibles biologisches Wirkmodell: mechanische Stimulation, Verbesserung der Gewebeperfusion und potenzielle Förderung der Granulation.
Evidenzlage und klinische Bewertung
Die klinische Evidenz bleibt jedoch heterogen. Eine von Cullum und Liu 2017 aktualisierte Cochrane-Metaanalyse zum therapeutischen Ultraschall bei Patienten mit Ulcus cruris venosum analysierte elf randomisierte kontrollierte Studien (RCT). Im Vergleich zur Standardtherapie zeigten sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der vollständigen Wundheilung. Demgegenüber berichtet die systematische Literaturübersicht von Voigt et al. (2011), die acht RCT einschloss, dass niederfrequenter Ultraschall als ergänzende Therapie die frühe Heilungsphase chronischer venöser und diabetischer Wunden unterstützen kann. Die Autoren weisen jedoch selbst auf methodische Limitationen, kleine Fallzahlen und heterogene Studiendesigns hin. Somit ergibt sich ein typisches Bild physikalischer Therapieformen: ein biologisch plausibles Wirkprinzip, einzelne positive klinische Signale, jedoch keine durchgehend robuste Evidenz für einen signifikanten Einfluss auf die komplette Abheilung.
Klinische Einordnung
Die Ultraschalltherapie ist kein Ersatz für die kausale Behandlung chronischer Wunden. Entscheidend bleiben:
- leitliniengerechte Kompression beim Ulcus cruris venosum
- adäquate Druckentlastung bei diabetischen Fußulzera
- konsequentes Debridement
- strukturierte Wundversorgung
Ultraschall kann – indikationsgerecht eingesetzt – als ergänzende Maßnahme im multimodalen Therapiekonzept erwogen werden. Zu berücksichtigen sind jedoch praktische Aspekte: Die Anwendung kann schmerzhaft sein und erfordert einen relevanten Zeit- und Kostenaufwand für Geräteaufbereitung, Desinfektion und organisatorische Implementierung. Diese Faktoren beeinflussen die Wirtschaftlichkeit und Alltagstauglichkeit der Methode.
Fazit
Die Ultraschalltherapie bei chronischen Wunden basiert auf nachvollziehbaren physikalischen Wirkmechanismen wie Kavitation, mechanischer Stimulation und Verbesserung der Mikrozirkulation. Die klinische Evidenz zeigt jedoch kein konsistentes Bild hinsichtlich der vollständigen Wundheilung. Ultraschall ist daher kein „Gamechanger“, sondern eine mögliche additive Option bei ausgewählten Patienten. Die Therapie sollte evidenzbasiert, indikationsgerecht und ohne überzogene Erwartungen eingesetzt werden.
Literatur
Dissemond, J., & Kröger, K. (2024). Chronische Wunden: Diagnostik – Therapie – Versorgung (2. Aufl.). Elsevier.
Klötgen, K., Klode, J., Körber, A., Schadendorf, D., & Dissemond, J. (2009). Ultraschall in der Therapie chronischer Wunden. Aktuelle Dermatologie, 35(6), 237–242. https://doi.org/10.1055/s-0028-1119683
Cullum, N., & Liu, Z. (2017). Therapeutic ultrasound for venous leg ulcers. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2017(5), Article CD001180. https://doi.org/10.1002/14651858.CD001180.pub4
Voigt, J., Wendelken, M., Driver, V., & Alvarez, O. M. (2011). Low-frequency ultrasound (20–40 kHz) as an adjunctive therapy for chronic wound healing: A systematic review of the literature and meta-analysis of eight randomized controlled trials. The International Journal of Lower Extremity Wounds, 10(4), 190–199. https://doi.org/10.1177/1534734611424648
Wundzentrum Hamburg. (2025, Februar). Standardvorgehensweisen zur Wundreinigung (WZ-VS-018-V06). https://www.wundzentrum-hamburg.de/wp-content/uploads/Standards/02-2025/WZ-VS-018-V06-Standardvorgehensweisen-zur-Wundreinigung.pdf