Stereopsis
Synonyme: Stereosehen, räumliches Sehen, stereoskopisches Sehen
Englisch: stereopsis
Definition
Stereopsis ist die Fähigkeit, aus den leicht unterschiedlichen Netzhautbildern beider Augen eine Tiefeninformation zu gewinnen und dadurch Entfernungsunterschiede präzise wahrzunehmen.
Physiologie
Beide Augen betrachten ein Objekt aus geringfügig verschiedenen Blickwinkeln. Dadurch entstehen Abbildungsunterschiede auf den korrespondierenden Netzhautarealen, die als binokulare Querdisparation bezeichnet werden. Diese Informationen werden durch Disparity-sensitive Neurone im visuellen Kortex verarbeitet und zu einem einheitlichen stereoskopischen Tiefeneindruck zusammengesetzt. Je größer die Querdisparation, desto näher erscheint ein Objekt. Stereopsis ist damit eine spezielle Leistung des binokularen Sehens.
Stereosehen ist vor allem für die feine Tiefenauflösung im Nahbereich relevant. Für größere Distanzen stützt sich die Tiefenwahrnehmung zunehmend auf monokulare Hinweise. Ein Mensch ohne Stereosehen kann daher dennoch ein gutes räumliches Sehen im Alltag entwickeln.
Abgrenzung
Räumliches Sehen ist ein weiter gefasster Begriff. Es beschreibt jede Form der Tiefenwahrnehmung, auch wenn sie nur mit einem Auge möglich ist. Dazu gehören:
- Größenvergleich bekannter Objekte
- Überdeckung (ein Objekt verdeckt ein anderes)
- Schatten, Perspektive, Bewegungsparallaxe
Stereopsis hingegen beruht ausschließlich auf binokularer Querdisparation.
Klinik
Stereopsis ist ein sensibler Indikator für eine intakte Binokularfunktion. Sie ist häufig frühzeitig eingeschränkt oder aufgehoben, wenn die Entwicklung der Stereopsis im frühen Kindesalter behindert wird, zum Beispiel bei:
Daher wird sie in der Orthoptik regelmäßig geprüft.
Diagnostik
Zur Prüfung dienen standardisierte Stereotests mit Polarisations-, Rot-Grün- oder Zufallspunktmustern (z.B. Titmus-, TNO- oder Lang-Test). Die Testergebnisse werden in Bogensekunden angegeben. Kleinere Werte entsprechen besserem Stereosehen.