OSCE
Englisch: objective structured clinical examination, objective structured practical examination (OSPE)
Definition
Das Akronym OSCE steht für Objective Structured Clinical Examination. Es handelt sich um ein kompetenzorientiertes Prüfungsverfahren, das an vielen deutschen Universitäten im Rahmen des Medizinstudiums genutzt wird. Es dient der Bewertung praktischer, kommunikativer und klinischer Fähigkeiten der Studenten.
Hintergrund
Die OSCE wurde entwickelt, um Defizite klassischer mündlicher Prüfungen – insbesondere mangelnde Objektivität und Reproduzierbarkeit – zu reduzieren. Durch standardisierte Prüfszenarien, strukturierte Bewertungsinstrumente und definierte Zeitfenster ermöglicht sie eine vergleichbare Beurteilung klinischer Kompetenzen. OSCEs sind international etabliert und integraler Bestandteil moderner, kompetenzbasierter Curricula.
Ablauf
Ein OSCE wird normalerweise an verschiedenen Stationen durchgeführt, wobei pro Fall 5 bis 10 Minuten Zeit zur Verfügung stehen und die Prüflinge von Station zu Station rotieren. Klassischerweise wird an jeder Station ein Fall oder Patient (standardisierter Patient oder Schauspieler) mit spezifischer Problemstellung präsentiert. Alternativ werden Simulationen verwendet. Jede Station wird von einem Prüfer betreut und bewertet.
Inhalte
Das OSCE präsentiert standardisierte Fälle, damit Studenten ihre theoretisch erlernten Fähigkeiten in praktischer Anwendung zeigen zu können. Geprüft werden praxisrelevante ärztliche Kompetenzen, u. a.:
- Anamnese und strukturierte Gesprächsführung
- Körperliche Untersuchung
- Interpretation von Befunden und Diagnosen
- Planung diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen
- Aufklärung und ärztliche Kommunikation
- Notfallmanagement
- Psychosoziale und professionelle Kompetenzen
Bewertung
Die Bewertung erfolgt anhand strukturierter Instrumente:
- Checklisten zur Erfassung einzelner Handlungsschritte
- Global Ratings zur Beurteilung von Kommunikation, Professionalität und klinischem Gesamteindruck
Die Einzelbewertungen der Stationen werden zu einer Gesamtnote zusammengeführt. Um die Interrater-Variabilität zu minimieren, ist die Schulung der Prüfer essenziell.
Vorbereitung
Zur Vorbereitung auf ein OSCE sollten die praktischen Fähigkeiten, die im jeweiligen Semester erlernt wurden, zuvor gut trainiert werden. Dies kann beispielsweise durch Rollenspiele (z. B. Anamnesegespräche, Übermittlung von Diagnosen) oder durch die Arbeit an Modellen für invasive Untersuchungs- und Behandlungstechniken erfolgen. Auch klinische VR-Simulationen und virtuelle Patienten ("VirPs") sind eine Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu festigen.
Schemata
Zur Strukturierung werden Schemata (häufig in Form von Akronymen) empfohlen, z.B.:
Kommunikation und Übergaben
- ICE-Schema (Strukturierte Erfassung der Patientenperspektive)
- SBAR-Schema (Strukturierung von Übergaben)
- ATMIST-Schema & MIST-Schema (Übergabe von Traumapatienten)
Verhaltensanalyse
- SORKC-Modell (horizontale Verhaltensanalyse)
Notfallversorgung
- I WATCH DEATH-Schema (Abklärung der Ursachen eines Delirs)
- AEIOU-TIPS-Schema (Abklärung der Ursachen einer Vigilanzminderung)
- LACTATES-Schema (Abklärung der Ursachen einer Hyperlaktatämie)
- I GET SMASHED (Abklärung der Ursachen einer aktuten Pankreatitis)
- MUDPILES-Schema (Abklärung der Ursachen einer metabolischen Azidose)
- KUSSMAUL-Schema & GOLDMARK-Schema (Abklärung der Ursachen einer metabolischen Azidose mit erhöhter Anionenlücke)
Abgrenzung
Österreich
In Österreich gelten die OSCE1 und die OSCE2 an allen öffentlichen medizinischen Universitäten als finale Abschlussprüfungen des Studiums. Die OSCE1 findet direkt vor dem KPJ statt und prüft alle im Studium erlernten praktischen Fähigkeiten ab (Österreichischer Kompetenzlevelkatalog F und K). Die OSCE2, die nach dem absolvierten KPJ als letzte Prüfung des Studiums stattfindet, enthält den gesamten klinischen Inhalt des Studiums (Semester 5–12) als Prüfungsstoff (Österreichischer Kompetenzlevelkatalog F, K und A).