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Neurotheologie

1 Definition

Der Begriff Neurotheologie beschreibt ein relativ junges wissenschaftliches Teilgebiet bzw. Forschungsgebiet das versucht, religiöse Empfindungen, Erscheinungen oder Glaubensgefühle neurophysiologisch zu erklären. Entgegen der landläufigen Meinung sind nicht nur Atheisten Vertreter dieser wissenschaftlichen Ausrichtung. Vielen Forschern geht es nicht darum, Gott durch neurophysiologische Vorgänge im menschlichen Gehirn zu widerlegen, sondern vielmehr die Wirkung von Gebeten und religiösen Gefühlen auf den menschlichen Organismus zu untersuchen.

2 Beispiele

  • Es sind in der näheren Vergangenheit viele Experimente durchgeführt worden, bei denen Probanden mittels transkranieller Magnetstimulation magnetische Felder von außen zugefügt wurden. 75 % der Versuchspersonen gaben dabei an, ein Gefühl von Transzendenz erlebt zu haben. Sie beschrieben es als Gefühl der Gegenwart einer höheren Wirklichkeit. Der kanadische Mediziner und Neurowissenschaftler Michael Persinger gilt als Pionier auf dem Gebiet dieser Versuchsarten. Je nach religiöser Überzeugung der Probanden sprachen einige davon, die "Gegenwart Gottes" gespürt zu haben, während atheistisch geprägte Personen von einer „als sehr eng empfundenen Verbindung zum Universum“ sprachen.
  • Der amerikanische Religionswissenschaftler und Hirnforscher Andrew Newberg setzte zur Untersuchung des Zentralen Nervensystems während religiösen Erfahrungen (wie Gebeten, Meditation, etc.) bildgebende Verfahren zur Begutachtung der Hirntätigkeit ein. Es kam dabei zu einer besonders starken Aktivität der Schläfenlappenregionen, sowie des limbischen Systems.

Doppelblindstudien erheben allerdings starke Zweifel an den Versuchen, insbesondere denen von Michael Persinger. So gaben erstaunlich viele Probanden, deren Helm mit der Apparatur zur transkraniellen Magnetstimulation inaktiviert war, ebenfalls an, transzendente Erlebnisse gehabt zu haben. Das lässt an dem relativ sicher geglaubten Zusammenhang zwischen religiösen Emotionen und speziellen neurophysiologischen Aktivitäten im Gehirn Zweifel entstehen.

3 Medizinische Gesichtspunkte

Eine besonders wichtige Bedeutung bei den religiösen Emotionen scheinen sowohl das Limbische System, als auch die Temporallappenregion zu spielen. Dies konnte in mehreren Tests mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden. Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen Epilepsie-Patienten, die an einer Schläfenlappenepilepsie leiden und den neurotheologischen Untersuchungen von Andrew Newberg: Mehr als bei allen anderen Epilepsieformen spüren Schläfenlappenepileptiker während den Krampfanfällen eine besondere emotionale Erregung, die auch häufig von starken religiösen Gefühlen begleitet ist. Häufig kommt es bei diesen Epileptikern gar nicht zu Krampfanfällen im eigentlichen Sinne, sie verfallen oft in einen Zustand der göttlichen Gegenwart, Melancholie oder Ekstase. Sehr häufig neigen diese Schläfenlappenepileptiker zu einer starken Religiosität und sind prinzipiell sehr emotionale Menschen.

4 Interpretation und religiöse Deutungen

Unbestritten ist, dass auch mit dem Forschungsbereich der Neurotheologie die Existenz Gottes oder einer anderen transzendenten Macht weder bewiesen, noch widerlegt werden kann. Zwar machen sich viele Atheisten die offenbar mehr oder weniger anatomisch abgrenzbaren Reaktionen im Gehirn als Argumentationspunkt gegen Gott zu Nutze, freilich kann dies aber nicht den Anspruch einer effektiven Beweisführung erheben. Michael Persinger spricht von „Gott als ein Artefakt des Gehirns“ und trifft damit den Kern der atheistischen Interpretation. Auch erwähnen einige atheistisch eingestellten Forscher den Begriff „Gottesmodul“ für die im Gebet besonders aktiven Areale.

Wie erwähnt beweist die Neurotheologie sehr wohl einen Zusammenhang zwischen religiösen Gefühlen und neurophysiologischen Reaktionen, als Argument für eine rein-theologische Diskussion über die Existenz Gottes ist sie freilich ungeeignet. Jeder Reiz und jeder Gedanke (ob nun sinnvoll oder nicht) löst eine biologische Signalkaskade im Gehirn aus. Und somit bleibt als Schlussfolgerung nur ein Zitat, was von vielen Wissenschaftlern angeführt wird: „Im menschlichen Gehirn nach Gott zu suchen ist wie einen Fernseher aufzuschrauben, um den Nachrichtensprecher zu entdecken."

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Fachgebiete: Neurologie, Psychiatrie

Diese Seite wurde zuletzt am 25. Januar 2017 um 20:17 Uhr bearbeitet.

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