Stockholm-Syndrom
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LoslegenSynonym: Norrmalmstorg-Syndrom
Englisch: Stockholm syndrome
Definition
Das Stockholm-Syndrom ist ein populärpsychologischer Begriff für ein Verhaltensmuster, bei dem Opfer von z.B. Geiselnahmen positive emotionale Gefühle zu ihren Entführern entwickeln. Das Spektrum kann von einfacher Sympathie bis hin zur Kooperation und im Extremfall zur Empfindung von Liebe für den Täter reichen. Es handelt sich um keine anerkannte psychiatrische Diagnose und ist nicht in aktuellen Klassifikation (z.B.ICD-10, ICD-11, DSM-5) als eigenständige Entität gelistet.[1]
Namensgebung
Der Begriff entstammt einer Geiselnahme, die sich vom 23. bis 28. August 1973 in der schwedischen Hauptstadt Stockholm (Norrmalmstorg) abspielte und sich über rund 131 Stunden hinzog. Bei einem Überfall auf eine Bank wurden vier Angestellte als Geiseln genommen. Über die gesamte Dauer der Geiselnahme fiel – nicht zuletzt durch die mediale Beleuchtung – auf, dass die Geiseln offenbar mehr Angst vor der Polizei als vor den Geiselnehmern hatten. Nach Ende der Geiselnahme empfanden die Opfer weiterhin keinen Hass oder Rachegedanken gegenüber den Tätern, sondern eine große Dankbarkeit dafür, von den Kriminellen freigelassen worden zu sein. Die Sympathie ging so weit, dass sich die Bankangestellten für eine milde Strafe einsetzten und die Täter im Gefängnis besuchten. Den Begriff prägte der schwedische Polizeipsychiater Nils Bejerot im Anschluss an das Geschehen; ursprünglich bezeichnete er das Phänomen als „Norrmalmstorg-Syndrom".
Ursachen
Für die Entstehung des Stockholm-Syndroms werden mehrere, teils konkurrierende Erklärungsmodelle diskutiert:[2]
- Identifikation mit dem Aggressor (psychoanalytisches Modell): das Opfer übernimmt unbewusst Haltungen und Verhaltensweisen des Täters, um die erlebte Bedrohung psychisch zu bewältigen
- Kognitive Dissonanz: das Nebeneinander von Bedrohung und vereinzelten Gesten der Zuwendung durch den Täter erzeugt einen inneren Widerspruch, der durch positive Umdeutung des Täterverhaltens aufgelöst wird
- "Brainwashing"-These: anhaltende Isolation, Kontrolle und Abhängigkeit vom Täter führen zu einer schrittweisen Übernahme von dessen Perspektive
- Evolutionäres Beschwichtigungsmodell: die Anpassung an den Täter wird als neurobiologisch verankerte Überlebensstrategie verstanden, die kurzfristig das Risiko unmittelbarer Gewalt reduziert
Daneben werden mehrere begünstigende Situationsfaktoren beschrieben:
- Wahrnehmungsverzerrung infolge der Isolation während einer Geiselnahme
- Geiseln sehen sich nur als zufälligen Teil der Situation
- Zurückhaltung der Polizei bewirkt bei Geiseln das Gefühl des Alleingelassenwerdens
- übersteigerte Wahrnehmung vom Agieren der Täter; bereits kleinste Zugeständnisse werden als Akt großer Gnade empfunden
- häufig verhalten sich die Täter den Geiseln gegenüber relativ wohlwollend, da sie eine Art Schutz für diese darstellen
- Identifizierung mit den Zielen der Täter als Selbstschutz bzw. Kompensation des maximal eingetretenen Verlustes der Selbstständigkeit und Kontrolle, die eine Geiselnahme mit sich bringt
Wissenschaftliche Bedeutung
Das Konzept des Stockholm-Syndroms gilt in der Fachliteratur als wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert. Es beruht überwiegend auf Einzelfallberichten statt auf systematischer empirischer Forschung und wird zudem kritisiert, da es das Verhalten Betroffener – insbesondere in Gewaltbeziehungen – pauschalisierend und stigmatisierend deuten kann.[1] Einige Autoren schlagen vor, den Begriff durch das Konzept der "Beschwichtigung" (Appeasement) zu ersetzen, das sich über die Polyvagal-Theorie erklären lässt und die beobachteten Reaktionen als neurobiologisch bedingte, reflexhafte Überlebensstrategie einordnet statt als romantisierte oder pathologische Bindung.[3] Deutliche Überschneidungen bestehen zudem mit dem Konzept des Trauma Bonding, das ähnliche Bindungsmuster bei Opfern von Gewaltbeziehungen beschreibt.
Einen wesentlichen Beitrag zur Bekanntheit des Begriffs leistet seine anhaltende Präsenz in den Massenmedien und der Popkultur (z.B. in Film und Fernsehen). Kritiker weisen darauf hin, dass die mediale Darstellung komplexe psychische Traumafolgen oft zu einer "romantisierten" Bindung verzerrt. Zudem führt die inflationäre und oft unreflektierte Verwendung des Begriffs in der Berichterstattung häufig zu einer Täter-Opfer-Umkehr. Das rationale Überlebensverhalten von Opfern in extremen Machtasymmetrien wird dadurch fälschlicherweise als pathologische Willensschwäche oder "Syndrom" dargestellt, anstatt die Gewalt des Täters in den Fokus zu rücken.
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 Le Goff-Cubilier und Gammeter,. Stockholm Syndrome and controlling relationships: to understand and act, Rev Med Suisse, 2023
- ↑ Feinberg und Zalsman, Stockholm syndrome in kidnapped and hostages as a survival behavior, Harefuah, 2024
- ↑ Bailey et al., Appeasement: replacing Stockholm syndrome as a definition of a survival strategy, Eur J Psychotraumatol, 2023